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Wie studiert man eigentlich Angewandte Sexualwissenschaften?

Allgemein

Veröffentlicht am 21.11.2022

Du hast richtig gelesen: Angewandte Sexualwissenschaft. Schmunzelst du gerade? Stellst du dir vor, wie man „Angewandte“ Sexualwissenschaften studiert? Hast du überhaupt eine Idee, was man darunter verstehen kann? Dann lass mich dir den Studiengang vorstellen. Du wirst merken: Es ist ein spannendes, sensibles und wichtiges Studienfach.

Für meine Recherche habe ich mich an Prof. Dr. Maika Böhm gewandt, Professorin für Sexualwissenschaft und Familienplanung an der Hochschule Merseburg.

Bevor ich dir etwas mehr über den Studiengang erzähle, hier die Hard Facts:

  • Den berufsbegleitenden & in Deutschland einzigartigen sexualwissenschaftlichen Master-Studiengang gibt es seit 2009.
  • Einmal jährlich zum Wintersemester werden 23 Studierende zugelassen.
  • Es handelt sich um einen Teilzeit-Masterstudiengang mit einem Umfang von sechs Semestern.

Sex Education

Vielleicht kennst du auch den nerdig, sympathischen Otis aus der Netflix-Serie „Sex Education“ der an seiner Schule Ratschläge in sexuellen Fragen gegen Geld gibt. Sein Wissen bezieht er nebenbei von seiner Mutter Dr. Jean Milburn, welche im gemeinsamen Zuhause Sexualtherapie praktiziert. Etwas weniger Netflix-Drama, aber nicht ganz so abwegig: Angewandte Sexualwissenschaft.

Wie du dir vielleicht schon denken kannst, ist Sexualtherapie nicht einfach nur ein Kaffee-Pläuschen, sondern sehr viel mehr. Insbesondere die verschiedenen Lerninhalte des Studiums zeigen, wie vielfältig dieses Spektrum ist. Du erlernst Methoden zur Praxis und Forschung, aber auch politische und juristische Perspektiven erwarten dich bei deiner Ausbildung.

Diese und noch sehr viel mehr Lerninhalte bereiten dich auf deine verschiedenen Berufsperspektiven vor (unterteilt auf drei Ebenen):

  • In den Berufsfeldern unter dem Dach des Schwangerschaftskonfliktgesetzes, in Ehe-, Lebens- und Familienberatung, Aids-Hilfen, Kinderschutzdiensten, Gesundheitsämtern bis hin zu speziellen sozial- und medienpädagogischen Arbeitsfeldern.
  • Im Bereich Wissenschaft selbst sowie in den verschiedenen Arbeitsfeldern des höheren öffentlichen Dienstes, relevanten Verbänden und Trägern von Beratung-, Sozial- und Gesundheitseinrichtungen (Leitungsaufgaben)
  • In allen sozialpädagogischen Arbeitsfeldern (z.B. der Heim-, Behindertenpädagogik, der Schulsozialarbeit usw.)

Sexualität und Medien

Dieser Punkt ist mir besonders aufgefallen bei der Auflistung der verschiedenen Lerninhalte. Auch wenn es teilweise leider noch ein Tabuthema ist, so ist es dennoch für uns alle allgegenwärtig. Denn zu Sexualität und Medien gehören nicht nur der öffentlich-rechtlich produzierte Böhmermann-Porno oder Nudes, sondern auch Tinder & Co.

Heutzutage hat man jederzeit die Möglichkeit digital mit Sexualität in Kontakt zu kommen. Insbesondere Pornos können ein falsches Bild davon vermitteln, wie „richtiger“ Sex auszusehen hat.

Auf Tinder und anderen Sozialen Medien spielt die Darstellung und Sexualisierung von Körpern eine immer größere Rolle.

Es wird oft eine gewisse „Medien-Kompetenz“ gepredigt. Insbesondere in Bezug auf Fake News und wie man diese erkennt. Aber heutzutage ist es auch wichtig eine Medien-Kompetenz gegenüber Sexualität in den digitalen Medien zu haben.

Immerhin spielen diese in den Lebenswelten von Jugendlichen (bzw. inzwischen nahezu allen Menschen), aber auch für z.B. partnerschaftliche oder sexuelle Kommunikation/Interaktion eine wichtige Rolle. Daher ist die Schnittstelle zwischen sexueller und medialer Bildung besonders wichtig. Genau hier kommt unter anderen Angewandte Sexualwissenschaft zum Tragen: Absolvent:innen sollen unterschiedliche Zielgruppen darin begleiten können, ihre sexuellen und romantischen (Sozialisations-)Erfahrungen auch in digitalen Welten angemessen und gut gestalten zu können sowie sich vor Grenzverletzungen (eigene sowie gesetzliche Grenzen) zu schützen.

Ab wann macht eine Beratung Sinn?

Dazu schreibt mir Frau Dr. Böhm Folgendes:
„I.d.R. macht Beratung dann Sinn, wenn Menschen ein Anliegen haben bzw. ein Problem wahrnehmen und sich Unterstützung wünschen, dies zu beleuchten oder zu lösen. Das gilt bei sexuellen bzw. partnerschaftlichen Sorgen genauso wie bei anderen. Das Beratungsangebot muss natürlich immer auf die unterschiedlichen Zielgruppen bzw. Ratsuchenden angepasst werden.“

Praxisphasen im Studium

Immerhin heißt es ja „Angewandte“ Sexualwissenschaften. Theorie ist das eine, Praxis das andere. Wie sehen diese aus und was kann man sich darunter vorstellen? Berät man schon Patient:innen? Und vor allem: Wo absolviert man diese Praxisphasen? Dafür haben die Studierenden verschiedene Möglichkeiten. Sie können ein eigenes Praxiskonzept konzipieren (bspw. ein Angebot zu Wechseljahren), eine Praxisphase in einer Einrichtung absolvieren (bspw. in einer Schwangerschaftsberatungsstelle) oder eine praxisorientierte Studie umsetzen (bspw. eine Erhebung zum Qualifizierungsbedarf von Kita-Fachkräften zum Themenfeld sexuelle Gewalt).

Wie du siehst, bieten die Praxisphasen hier eine ungeheure Vielfalt, die spannende und weiterführende Einblicke gewährleisten.

Schwierige Themen

Während der Praxisphasen oder in Anbetracht der verschiedenen Lerninhalte kann es vorkommen, dass du auf für dich schwierige Themen triffst. Sexuelle Gewalt, unerfüllter Kinderwunsch… Ich habe mir die Frage gestellt, ob es „Therapeut:innen für Therapeuth:innen“ gibt. Dazu verriet mir Frau Dr. Böhm:

„Im Rahmen des Studiums finden berufsbezogene (Anm. d. Red.: damit ist eine Beratung für Mitarbeitende gemeint) Selbstreflexionsblöcke statt. Darüber hinaus werden die Werkstätten durch Supervisionen/Praxisreflexionen begleitet.

In den Institutionen, in denen unsere Studierenden ihre Praxisphasen umsetzen, findet darüber hinaus i.d.R. auch Supervision und Teamberatung statt. Im Feld der Sozialen Arbeit, Beratung und Therapie ist dies ein wichtiger Bestandteil, und das gilt selbstverständlich ebenso für Fachkräfte, die in Bildung und Beratung zu Sexualität, Partner*innenschaft, Familienplanung tätig sind.“

Qualifizierung

Um zum Studiengang zugelassen zu werden, bedarf es einer Abschluss-orientierten Zulassung. Ein persönliches Aufnahmegespräch oder Prüfungen sind nicht ausschlaggebend. Dennoch stellt sich die Frage, da es sich um einen Teilzeitstudiengang handelt, welche Arbeitsbelastung zu erwarten ist. Hier gibt es die klare Empfehlung, sich an einer 50 %-Stelle zu orientieren.

Da man während des Studium auch mit unter Umständen belastenden Thematiken zu tun hat, finden während des Studiums an mehreren Stellen berufsbezogene Selbstreflexionen statt. Als Studierender soll/muss man in der Lage sein, an diesen Veranstaltungen teilzunehmen.

Und last but not least mal wieder die Hard Facts:

  • Du brauchst für die Zulassung einen Bachelorabschluss mit 180 ECTS-Punkten in einem der folgenden Studiengänge:
    • Soziale Arbeit/Sozialpädagogik
    • Kultur- und Medienpädagogik, Kindheitspädagogik
    • Erziehungswissenschaften/Pädagogik/Lehramt
    • Psychologie
    • Humanmedizin, gesundheits- und Pflegewissenschaften, Hebammenwissenschaften
  • Eine Zulassung mit einem vergleichbaren sozial- oder geisteswissenschaftlichen Studienabschluss ist möglich, sofern zusätzlich ein Nachweis über ein pädagogisches Wahl- oder Nebenfach im Umfang von 30 ECTS-Punkten erbracht wird.
  • Oder eine dreijährige pädagogische Berufsausbildung absolviert wurde.

Interesse

Dr. Jean Milburn ist ´ne coole Socke und das alles klingt spannend für dich? Wie wäre es mit einer Online-Beratung? Die Hochschule Merseburg bietet monatlich eine Online-Beratung an. Diese richtet sich explizit an Personen, die sich über den Studiengang informieren wollen oder konkrete Fragen zum Bewerbungsprozess haben.

An dieser Stelle bedanke ich mich nochmal bei Frau Prof. Dr. Maika Böhm, die sich die Zeit genommen hat meine Fragen zu beantworten.

 

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