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In der Heimat bleiben, in der Ferne studieren – So funktioniert ein Fernstudium

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Statt in der Coronakrise die Schulbank zu drücken, hast du den kompletten Unterrichtsstoff vom heimischen Schreibtisch aus gepaukt und fandest das eigentlich ganz gut? Du willst studieren, aber auch nicht weg von zuhause? In einem Fernstudium lernst du nicht auf dem Campus, sondern vor allem online, und zwar wo und wann du willst. – Oder?

Wie es sich aus der Ferne studiert und was es dafür braucht, das weiß Beya Mhadbi, die in Cottbus lebt und an der größten deutschen Fernuniversität in Hagen in Nordrhein-Westphalen studiert.

Beya Mhadbi bereitet sich gerade auf ihre letzte Prüfung vor. Ganz ohne Laptop und Internet blättert sie durch die Seiten ihres Vorlesungsskriptes. Auf dem Deckblatt steht in großen Lettern „Arbeits- und Organisationspsychologie Kurseinheit 4“. Ihre Prüfung hat sie zwar erst Anfang September, doch lernt sie bereits jetzt intensiv: „Das Psychologiestudium ist aufwendig. Man muss immer lesen und viel Stoff durcharbeiten“, sagt die junge Frau. In jedem Studium müsse man sich gut organisieren, räumt die Psychologiestudentin ein. Doch gerade im Fernstudium, wo es einem gänzlich selbst überlassen bleibt, wo und wann man sich genau mit den Studieninhalten befasse, sei es wichtig, immer dran zu bleiben. Der große Vorzug eines Fernstudiums – die hohe Flexibilität – könne einem andernfalls auch mal schnell auf die Füße fallen. Denn der Studienumfang sei schließlich immer noch derselbe – egal, ob Fern- oder Präsenzstudium. Das Modul, das sie gerade belege, besteht aus Arbeits-, Personal- und Organisationspsychologie. Ihre Aufzeichnungen und Materialien dazu habe sie sich in vier großen Ordnern angelegt. Einen Monat vor den Prüfungen den Stoff eines ganzen Semesters aufholen zu wollen, das sei bei dem Umfang einfach nicht zu leisten, meint sie.

Der Weg zum Fernstudium

Der Grad der Studienbetreuung variiere von Studiengang zu Studiengang, so die Fernstudentin. „Man muss schauen, was einem liegt und was einem wichtig ist.“ Für Studienanfänger empfiehlt sie, einen eher betreuungsintensiven Studiengang zu wählen. Das gebe dem Studium zuhause eine stärkere Struktur vor. Nach Angaben der Fernuniversität in Hagen halten sich Erststudierende und Studierende mit einem abgeschlossenen Studium dort derzeit ziemlich genau die Waage. Auch Beya Mhadbi hat bereits ein Studium hinter sich. Die Deutsch-Tunesierin ist diplomierte Luft- und Raumfahrtingenieurin. „Vor fünfeinhalb Jahren bin ich nach Cottbus gekommen, wo ich bis Juni 2018 als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der BTU gearbeitet habe“, sagt sie. Dort habe sie an einem Forschungsprojekt zur automatisierten CAD-Erstellung von Kerntriebwerken gearbeitet. „In meiner Freizeit habe ich mich viel mit Psychologie und Philosophie beschäftigt, erinnert sich Beya Mhadbi, die fließend Deutsch, Arabisch und Französisch spricht. Ihr erstes Studium sei zudem viel zu einseitig auf das rein Technische fokussiert gewesen. „Ich liebe Mathe, ich liebe die Technik, aber dass ich mich auch sprachlich und geisteswissenschaftlich weiterbilden kann, das hat mir schon sehr gefehlt“, erinnert sie sich. Auf der Webseite der Fernuni Hagen habe sie sich Aufbau und Inhalte des Psychologiestudiums angesehen. „Das hat mich überzeugt“, sagt sie. Zwar bietet die Fernuniversität in Hagen derzeit kein Modul in Klinischer Psychologie an, doch habe Beya Mhadbi während ihres Studiums gelernt, dass Psychologie noch aus anderen, ebenso faszinierenden Themenfeldern bestehe. Biopsychologie, Gesundheitspsychologie, Bildungspsychologie, Gemeindepsychologie. Ihr Pflichtpraktikum habe sie dann aber trotzdem in einer Psychiatrie in Dresden absolvieren können.

Online-Plattform statt Hörsaal

„Am Anfang des Studiums ist man natürlich sehr motiviert und hat viel Energie“, erklärt die Fernstudentin. Sie selbst habe anfangs neben einer 40-Stunden-Woche zwei Module pro Semester belegt, was dem Umfang eines Vollzeitstudiums entspricht. „Die ersten sieben Module sind sehr gut betreut gewesen im Blended Learning Modus: man lernt mit Büchern, Skripten, Videos“, sagt sie. Die im Studio aufgezeichneten Vorlesungen können dann als Video abgerufen werden. Über die Online-Lernplattform Moodle habe sie mit den Tutoren, aber auch mit anderen Studierenden kommuniziert. Zu Beginn eines Moduls werde ein Arbeitsplan vorgelegt mit Empfehlungen, in welchen Zeiträumen bestimmte Lerneinheiten zu bearbeiten seien. „Nach durchschnittlich zwei Wochen Bearbeitungszeit gibt es dann nochmal ein oder zwei Wochen Zeit, in denen zum Stoff Fragen gestellt werden können, auf die einzeln oder zusammengefasst in einem Video geantwortet wird.“ Die intensive Betreuung habe im weiteren Verlauf ihres Studiums aber abgenommen, sagt Beya Mhadbi. Auch  Gruppenarbeitsprojekte gebe es im Fernstudium. „Da haben wir unsere Vorträge über Web Cam gehalten“, erinnert sie sich.

Der Austausch zwischen den Studierenden findet auf mehreren Plattformen statt. Auf Moodle können Studierende miteinander in Kontakt treten und sich in Foren gegenseitig Übungsfragen stellen. Auch in Facebookgruppen werde gelernt und diskutiert. Andere wiederum bilden Arbeitsgruppen per WhatsApp oder tun sich in Videochats zusammen. „Wir legen Multiple Choice Fragen an, um einerseits gelerntes Wissen abzufragen, andererseits stellen wir uns auch Fragen nach komplexeren Sachverhalten und Zusammenhängen“, erklärt Beya Mhadbi. „Manche kommen zusammen, planen alles durch, verteilen Aufgaben, wer wann was zu machen hat. Das ist dann mitunter eine intensivere Zusammenarbeit unter Studierenden, als bei einem Präsenzstudium“, findet Beya Mhadbi. Ihr persönlich liege so ein durchgetaktetes Arbeiten allerdings nicht. Sie absolviere das Studium lieber in ihrem eigenen Rhythmus. „Wie jemand sein Fernstudium im Einzelnen gestaltet, bleibt einem letztlich selbst überlassen“, meint die Psychologiestudentin. Was man jedoch in jedem Fall benötige, seien genügend Zeit und Disziplin. Vor allem auf lange Sicht, fügt sie an. „Ich glaube das kennt jeder, der schon mal eine Ausbildung gemacht hat. Am Anfang ist man noch hochmotiviert, steckt voller Energie.“ Doch gegen Ende werde dann vieles zur Routine. „Dann fängt man an, auf den Abschluss hinzuarbeiten.“ Sie empfehle daher, sich Strategien zu überlegen, wie man motiviert bleibt. Das sei gerade in einem Fernstudium wichtig, wo man meistens ganz auf sich allein gestellt sei. Auch einen geeigneten Arbeitsplatz für sich zu finden, sei wichtig.

Pflichttermine in der Ferne

Bei allen Freiheiten, die einem das Fernstudium bietet, gebe es auch einige Pflichttermine, die Anwesenheit voraussetzen, erklärt Beya Mhadbi. Dazu gehören zum Beispiel die Modulprüfungen am Ende eines Semesters. Die würden nur an bestimmten Orten stattfinden. „Letztes Semester habe ich meine Prüfung in Hannover geschrieben. In Berlin wäre das auch möglich gewesen, aber dort ging das nur auf dem Tablet“, erzählt Beya Mhadbi. Sie schreibt ihre Prüfungen lieber noch mit Stift auf Papier.

Pflicht sei auch, während des Studiums mindestens zwei Präsenzveranstaltungen zu besuchen. Die finden zum Beispiel in Hamburg oder Berlin statt. Beya Mhadbi besucht sie jedoch fast jedes Semester. „Digitales Lernen hat viele Vorteile und ist immer mehr im Kommen“, meint sie. Aber sich ab und zu auch mal face to face zu treffen, sich wirklich real gegenüberzustehen, das werde nicht überflüssig. „Ich glaube, die Abwechslung macht es“, sagt Beya Mhadbi.

Das Bachelorstudium in Psychologie an der Fernuniversität Hagen umfasst sechs Semester. Auch ein Studium in Teilzeit ist möglich. Die Fernuniversität Hagen ist die einzige staatliche Fernuniversität in Deutschland. Ein Bachelorstudium kostet dort zwischen 1600 und 2400 Euro.

Auch zahlreiche andere Hochschulen in Deutschland bieten Online-bzw. Fernstudiengänge und Weiterbildungskurse an. Die werden in der Regel sehr gut betreut, doch sind sie auch kostenintensiv. Für ein Studium an einer deutschen Fernhochschule bezahlst du durchschnittlich zwischen 7000 und bis zu 19 000 Euro. Andere Fernhochschulen sind die Wilhelm-Büchner-Hochschule in Darmstadt, das WINGS-Fernstudium an der Hochschule Wismar, die SRH Fernhochschule in Riedlingen. Auch die Technische Hochschule Brandenburg bietet Studiengänge wie Medieninformatik und IT-Sicherheit als Onlinestudium an.

 

Julia Siebrecht

 

Du hast auch schon über ein Fernstudium nachgedacht, aber bist dir noch unsicher?
Vielleicht hilft dir diese Seite hier ja weiter! Darin erzählen Studenten aus Berlin von ihren Fernstudiengängen und verraten dir alles, was du darüber wissen solltest!