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Der Humorist von Zelle 53 – Eine Zeitzeugengeschichte

Allgemein

Im Geschichtsunterricht erfahren wir viel über große Staatsführer, Kriegstreiber und Helden. Aber leider hören wir nur selten die Geschichten der kleinen Leute. Wie haben sie in der Zeit gelebt? Oder teilweise sogar überlebt? Deshalb ist es besonders wichtig mit Älteren über die Vergangenheit zu sprechen. Sie haben viel erlebt und können uns viel erzählen. So wie Günter Georgi, der PLANBAR in ein paar kurzen Sätzen sehr viel über seine Nachkriegszeit verraten hat.

Zur diesjährigen 30. Wiedervereinigung der BRD...

"Der kommende 3. Oktober ist für uns deutsche ein besonderer Tag. Nunmehr im 92. Lebensjahr berichte ich schon seit geraumer Zeit, insbesondere in Schulen, als Zeitzeuge der Bundesstiftung zur Aufbereitung der SED-Diktatur über das Leben vor und mit der Mauer. Deshalb wurde ich auch schon von den Bundespräsidenten Wulff und Steinmeier zu Zeitzeugengesprächen und Empfang eingeladen.

Als 16 Jähriger, gewesener Panzergrenadier-Soldat, bereits im Sommer 1945 aus dem unseligen Krieg heimgekehrt, erfuhr man nun Näheres über Konzentrationslager und andere faschistische Gräueltaten. Das war die Vergangenheit, die bewältigt werden musste. Überall zog wieder Lebensfreude ein. Man amüsierte sich, wo man nur konnte. Neben meinem Berufsleben als Sparkassenkaufmann und Gesundheitsfürsorger unterhielt ich als Conférencier und Humorist in diversen Veranstaltungen Jung und Alt. Doch eines Tages wurde mir mein Humor zum Verhängnis.

Im Dezember 1957 wurde ich in einer Gaststätte gebeten wieder einmal zum Besten zu geben. Unter anderem parodierte ich Nazigrößen, in dem ich sie lächerlich machte. Ein Zuhörer erstatte wegen Verherrlichung des Faschismus Anzeige und es folgte ein Berufsverbot sowie der Ausschluss aus dem DDR- Schriftstellerverband mit Schreibverbot. Meinen Lebensunterhalt musste ich dann als Bauhilfs- und Lagerarbeiter bestreiten. Dann der Haftbefehl wegen Staatsgefährdender Propaganda und Hetze und die anschließende Einlieferung in die Zelle 53 mit einem offenen Toilettenkübel in der U.-Haftanstalt Senftenberg. Erst am Gerichtstag nach 100 Tagen sah ich einen Anwalt, der mir mitteilte, dass der Belastungszeuge nach Westberlin geflohen sei. Wohl deshalb auch der erfolgte Freispruch. Merkwürdig!

1958 fand ich im Saarland eine neue Heimat und gleich nach der Maueröffnung 1989 nahm ich Einblick in meine 356 Seiten umfassende Stasi-Akte mit einigen Überraschungen.

Mein Wahlspruch: Lass dir die Fremde zur Heimat, aber nie die Heimat zur Fremde werden!"

 

Von Bundeststiftung Aufbereitung Zeitzeuge Günter Georgi