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Der Humorist von Zelle 53 – Ein Zeitzeuge erzählt über das DDR-Regime

Leben

Der Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober gilt als einer der wichtigsten Daten in unseren Kalendern. Seit diesem Tag vor inzwischen 30 Jahren (1990) ist die innerdeutsche Grenze nicht mehr existent und die DDR wurde eins mit der BRD. Für viele Menschen hat sich sowohl mit der Gründung, als auch mit der Auflösung der Deutschen Demokratischen Republik vieles verändert. Was genau kann sich unsere neue Generation kaum ausdenken. Zeitzeugen, wie Günter Georgi,  sind darum essentiell für die Aufbereitung der Vergangenheit. Er berichtet PLANBAR von seinen Erlebnissen und Schicksalsschlägen unter dem DDR-Regime.

Aller Anfang

Die Zeitspanne zwischen Kriegsende und Gründung der DDR war kurz. Nicht nur für Günter Georgi war dies der Beginn eines völlig neuen Zeitgeistes.

„Als 16 Jähriger, gewesener Panzergrenadier-Soldat, bereits im Sommer 1945 aus dem unseligen Krieg heimgekehrt, erfuhr man nun Näheres über Konzentrationslager und andere faschistische Gräueltaten. Das war die Vergangenheit, die bewältigt werden musste. Überall zog wieder Lebensfreude ein.“

Das Tanzverbot war aufgehoben und die Hoffnung und Freude wieder zurückgekehrt. Die Menschen feierten und amüsierten sich, wann immer es möglich war. Neben seiner Arbeit als Bankkaufmann und examinierter Gesundheitsfürsorger arbeitetet Günter Georgi ab 1949 außerdem als Conférencier und Humorist auf genau solchen Festivitäten. Mit Scherzen und Lachern begleitet er die Menschen bei Modenschauen und Feiertagsveranstaltungen durch den Abend. Acht Jahre nach Antritt seines Nebenberufs und Gründung der DDR, wird ihm sein Humor 1957 allerdings zum Verhängnis.

Anklage

Auf einer Weihnachtsfeier im Senftenberger Gesellschaftshaus parodiert er bekannte Nazipersönlichkeiten, wie Goebbels und Mussolini und macht sich über sie lustig. Was heute als Satire gelten würde, wird damals wegen „Verherrlichung des Faschismus“ angezeigt. Die Strafmaßnahmen folgen kurz darauf: er wird aus dem DDR-Schriftsteller-Verband, der Demokratischen Sportbewegung und der Partei ausgeschlossen und erhält zusätzlich ein Berufsverbot. Für eine Zeit lang schafft es Georgi sich und seine Familie als Bauhilfs- und Lagerarbeiter über Wasser zu halten. Unter der Anklage „staats- gefährdende Propaganda und Hetze“ wird er 1958 inhaftiert und die Untersuchungshaftanstalt Senftenberg eingeliefert. Er wird in eine Zelle mit offenem Toilettenkübel geführt – die Zelle 53. Für eine ihm unbekannte Zeit muss er nun hier leben. Doch Günter Georgi hat Glück.

„Erst am Gerichtstag nach 100 Tagen sah ich einen Anwalt, der mir mitteilte, dass der Belastungszeuge nach Westberlin geflohen sei. Wohl deshalb auch der erfolgte Freispruch. Merkwürdig!“

Noch im selben Jahr reist er mit seiner Familie in den Westen ins Saarland, wo er seine neue Heimat findet.

Aktenkundig

Gleich nach der Wende 1989 reist der ehemalige DDR-Bürger nach Frankfurt an der Oder um in seine Stasi-Akten einzusehen. Eine Zusammentragung von mehreren Jahrzehnten auf drei Ordner verteilt, hält Georgi nun in den Händen. Alle seine Aktivitäten, Kontakte und Hobbys auf insgesamt 356 Seiten offengelegt. Sogar ein Mittelsmann hätte in den Senftenberger Bekanntenkreis des Dokumentierten eingeschleust werden sollen, was jedoch fehlschlug. Auch vor erfundenen Erzählungen macht der Geheiminformant "Aswendt" keinen Halt. Er berichtet von Gesprächen und Begegnungen, die in dieser Art und Weise nie stattgefunden haben. Auch dokumentierte Paketinhalte und Berichte zur Befragung Verwandter findet Georgi in seiner Akte. Bis in die 80er Jahre hinein wusste die Stasi über seine finanzielle Lage, seinen Bekanntenkreis, seine Interesse und Erfolge in der Fotografie Bescheid.

 

Bildergalerie

Heute

Mit Ende der DDR widmet sich Georgi immer intensiver der Fotografie, veröffentlicht mehrere Bücher und erhält unzählige Auszeichnungen und Preise für seine Bilder. Auch zu verschiedenen Sendungen und Shows wird er eingeladen. Durch seine Fotos, die bei seinen Reisen in 91 verschiedenen Ländern entstehen, schafft er genug Material für unfassbare 235 selbst organisierte Fotoausstellungen zusammen, die ihn sogar in das Guinness-Buch der Rekorde bringen.

Heute ist der Buch- und Bildautor stolze 92 Jahre alt und noch immer als Zeitzeuge in vielen Bildungseinrichtungen unterwegs. Er erzählt über Themen, wie der Propaganda in der DDR, über Ausreisen, über seine Gefangenschaft und seine neue Heimat in die BRD. Er hilft der Jugend dabei, ihnen die Geschichte  näher zu bringen. Durch Menschen wie Günter Georgi wird Geschichte bewusster erlebt und die Vergangenheit gerät nicht in Vergessenheit.

 

„Lass dir die Fremde zur Heimat, aber nie die Heimat zur Fremde werden!"

- Günter Georgi -

 

Für alle Neugierigen, die noch mehr über die Fotografie von Günter Georgi wissen möchten - Wir lassen euch nicht hängen: https://planbar-magazin.de/nach-der-ausbildung-pressefotograf/

Hannes F. Jetschick