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Bewerbungsgespräch auf Umwegen

Bewerbungsverfahren

Vorbereitet, organisiert, selbstsicher und überzeugend – genau so sollte man bei einem Bewerbungsgespräch auftreten. Klar! Wer will schon einen verlumpten Halbstarken, der seine Zukunft scheinbar mit einer Null-Bock-Stimmung anpackt?

Auch mir war das damals sehr wohl bewusst. Der Tag meines Bewerbungsgespräches war ein regulärer Schultag, also stand ich morgens ganz normal auf, um mich für die Schule fertig zu machen. In Gedanken eher mit dem am Nachmittag anstehenden Bewerbungsgespräch beschäftigt, statt mit dem anstehenden Unterricht.
Hemd und Jackett? Check! Mit Fragen auseinandergesetzt? Passt schon! Hintergrundwissen über die Firma? So viel fragen sie bestimmt nicht darüber!
Bevor es also auf zur Schule ging, schaute ich auf meine Gesprächseinladung und vergewisserte mich zum hundertsten Mal bezüglich Uhrzeit, Adresse und so weiter. Irgendwie fühlte sich das Papier ungewöhnlich dick an. Das war mir beim letzten Mal gar nicht aufgefallen. Ich leckte meine Finger an, um die Seite auf ein zweites, angeschmiegtes Blatt zu kontrollieren und kam mir dabei wie mein Opa vor, der das auch immer so macht. Tatsächlich! Da war noch ein zweites Blatt. Ich wurde blass. Eine Hausaufgabe, in der ich für mich werben sollte …die ich beim Gespräch vorzustellen hatte. Auf einmal wurde mir heiß und ich spürte innerlich, wie meine Erfolgschancen auf meine Wunschausbildung auf 0% sanken. Eventuell war ich doch nicht so gut vorbereitet, wie ich dachte. Die Schule war nun erstmal zweitrangig, denn oberstes Ziel war es nun, meine Zukunft zu retten!

Innerhalb von Sekunden saß ich also vor dem PC, während mein Kopf qualmte, da ich mir schnellstmöglich etwas Gutes und Kreatives einfallen lassen musste. Innerhalb von 4 stressigen Stunden tippte und designete ich also herum bis ich wirklich 100% mit meinem Ergebnis zufrieden war. Es war nicht das erste Mal, dass ich wichtige Projekte erst in allerletzter Sekunde fertig stellte. In diesem Fall zwang mich der Stress zur Höchstleistung.

Inzwischen deutlich nervöser, als noch am Morgen, saß ich gemeinsam mit meiner Mutter im Auto. Angespannte Stimmung. Wahrscheinlich trug ich mehr Schuld an dem dramatischen Morgen, als ich gern zugegeben hätte, wie mir meine Mutter deutlich und lautstark vermittelte. Hastig ging ich noch einmal ein paar Infos über das Unternehmen durch, konzentriert darauf, mir so viel wie möglich im Kopf zu behalten.
Laut Navi waren wir fast da und hatten noch ungefähr 20 Minuten, bis zu meinem Termin. Ich war froh, dass das wenigstens glatt lief. Danke, Navi! Kurz darauf merkten wir jedoch, dass wir nicht vor dem richtigen Gebäude standen. Wir hatten unseren „Bestimmungsort erreicht“, doch ich war mir ziemlich sicher, dass dies nicht der Ort meiner Bestimmung sein konnte, da wir uns in einer Seitengasse zwischen einem kleinen Laden und einem Wohnhaus befanden. Sch***-Navi! Wir stiegen aus. Irgendwo hier musste es ja sein. Wie sollte es auch anders sein, hatte es zwischenzeitlich angefangen zu regnen. Auch das noch. Meine Motivation war am Ende.

Es dauerte bestimmt weitere 15 Minuten, bis wir, nachdem wir uns auf das Vertrauen eines Passanten verlassen hatten, ENDLICH das Gebäude, in dem sich meine drei nächsten Jahre abspielen sollten, gefunden hatten. Ich hatte immer noch ein paar Minuten Zeit und meine Hoffnung kam zeitgleich mit meiner Nervosität zurück. Glücklicherweise konnte ich meine Mutter dazu überreden, nicht mit hereinzukommen, um mit mir zu warten.

Da saß ich nun also. Vom Regen durchnässt, schwitzend und unsicher. Die am Anfang erwähnten Eigenschaften standen mir nicht unbedingt ins Gesicht geschrieben. Noch einmal ging ich alle möglichen Fragen gedanklich durch und einen kurzen Moment später hatte das Warten ein Ende und ich wurde abgeholt. Mit dem Aufzug ging es in den dritten Stock und diese Fahrzeit nutzte ich, um noch etwas über meine „Interviewer“ herauszufinden. „Ach, die sind eigentlich ganz locker.“ Alles klar. Wird schon schief gehen!

Die nächste Stunde verging eher schleppend. Stärken? Schwächen? Gar kein Problem! Fragen zur Firma? (Oh… das fragen sie ja tatsächlich!) Wacklig aber passt schon. Und schließlich zum Finale: Die Hausaufgabe! Bestätigendes, freundliches Kopfnicken. Meine Hoffnung wuchs. Auf die Frage, wie lange ich daran gesessen hätte, antwortete ich locker mit: „Ach, vielleicht ein paar Stunden.“ Als mir kurz darauf angeboten wurde, noch eigene Fragen zu stellen, ging mein unsicheres: „Nee, alles gut…also…ja…ähm wie war ich?“ glücklicherweise im Papier-Geraschel unter. Es folgte das klassische aber freundliche „Wir melden uns bei Ihnen.“ etc. und mein Gespräch war zu Ende. Der Knoten in meiner Brust löste sich auf und ich hatte es geschafft.

Endlich! Nach einer Woche fand ich eine E-Mail des Unternehmens im Postfach: Ich kam im Gespräch sehr gut an. Fröhlich wie ein Keks las ich weiter: eine Einladung zu einem weiteren Gespräch. Dieses Mal mit dem Chef, der dann mein wirkliches Urteil fällen würde. Au Backe!

Die Moral: Ein Bewerbungsgespräch benötigt mehr Vorbereitung, als man manchmal glaubt. Vor allem gehört, trotz allem, auch eine ordentliche Portion Glück dazu.
Wenn Ihr verpeilt seid, oder alles aufschiebt, ist das nicht schlimm, solange Ihr um den Arbeitsplatz kämpft und eure negativen Eigenschaften überwinden könnt. Ich bin kein Paradebeispiel für einen Vorbildbewerber, aber auch ich habe trotz aller Schwierigkeiten eine Zusage erhalten!