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Wer nichts wird, wird Wirt.

Reportagen

Manch einer gibt sich der romantischen Vorstellung hin, einmal ein eigenes Lokal zu eröffnen, sei es ein Restaurant oder eine Bar. Das Ganze natürlich nach seinem eigenen Geschmack. Freunde und Familienmitglieder werden dem ein oder anderen von diesem Unterfangen abraten. Denn eine eigene Lokalität birgt das Risiko, seine Ersparnisse, Nerven und auch Freunde zu verlieren.

Die Arbeitszeiten sind nicht gerade die freundlichsten und es kann jederzeit Streit mit Nachbarn oder Gästen geben. Anton Kretschmer* und sein Partner haben sich trotzdem nicht davon abhalten lassen. Ihnen gehört der „Seitensprung“, eine kleine Szenekneipe in der Straße der Jugend in Cottbus.

Eine neue Kneipe für Cottbus musste her!
Die Stadt Cottbus kann für seine rund 100.000 Einwohner mit zahlreichen Gaststätten, Restaurants und Bars auftrumpfen. Da stellt sich die Frage: Braucht man ausgerechnet eine mehr? Die Antwort für Anton war „Ja!“. Den „Seitensprung“ gibt es offiziell seit dem 14.02.2012 und er hat sich in weniger als einem Jahr rasend schnell in der Cottbuser Kneipenlandschaft etabliert. Ein Zeichen dafür, dass etwas in der Stadt gefehlt hat. „Ich habe in meinem Freundeskreis ständig zu hören bekommen, hier sei nichts los und es fehle eine gute Kneipe. Viele Leute zogen weg. Als dann auch noch der “Club Südstadt“ und vorübergehend das “Chekov“, dicht machten, wurden die Stimmen in meinem Umfeld immer lauter“, erinnert sich Anton.

„Ich bin vor Jahren sehr viel rumgereist, habe viele Konzerte in den abgefahrensten Kneipen und Clubs gesehen und fand es immer schade, dass es so etwas nicht bei uns gibt. Inspiriert haben mich am meisten die kleinen Wohnzimmerbars und Punkrockkneipen, wie man sie aus Berlin-Kreuzberg, Leipzig und Dresden kennt. Es gab und gibt immer noch Kneipen, die ich in Cottbus oft besucht habe und die mir gefallen, z.B. die “Marie“, jedoch dachte ich mir immer, das reicht nicht. Cottbus braucht mehr.“

Vor dem „Seitensprung“ veranstaltete Anton unter anderem die Dirty-Disko Reihe im „Quasimono“ und „Life“ sowie eine Weihnachts-Hip-Hop Veranstaltung im „Chekov“. „Da habe ich mitbekommen, dass ich unbedingt einen eigenen Laden brauche, um nicht immer betteln zu müssen, ob ich denn was veranstalten darf.“

Die Idee zur eigenen Bar hatte Anton also schon sehr lange, nur die Gelegenheit dazu bot sich nie an. Eines Tages kam ein Freund auf ihn zu und bot ihm die jetzige Lokalität an. Dabei handelte es sich um den ehemaligen Chinaimbiss „Duc Ahn’s“.

Wie wird man Wirt?
Bei der Wahl eines künftigen Lokals müssen verschiedene Kriterien bedacht werden. Zum Beispiel der bauliche Zustand, die Verkehrsanbindung und Parkplatzmöglichkeiten. Liegt das Lokal in einem Wohngebiet? Gibt es Konkurrenz in der Nähe? Wie ist das Ausgehverhalten der Zielgruppe? Wie hoch ist die Pacht oder Miete? Der „Seitensprung“ liegt neben der Table-Dance-Bar „Life“, woher ja auch der vortreffliche Name der Kneipe herrührt. Das „Glad-House“, die „Marie“ und die Innenstadt sind ebenfalls nicht weit weg. „Die Lage zwischen Innenstadt und „Glad-House“ ist einfach super, es ist erstaunlich was nachts da so los ist“, weiß Anton zu berichten. Was die Konkurrenz betrifft, denkt er schon, dass es in der einen oder anderen Kneipe zu spüren ist, dass der “Seitensprung“ da ist. Aber er hält seine Kneipe eher für eine Bereicherung für die Straße. „Je mehr da los ist, desto mehr Leute haben Spaß.“

Das Konzept nach dem Antons Kneipe so gut funktioniert ist eigentlich ganz einfach: „Es ist gemütlich. Es gibt 2 Profi-Kickertische, gute Musik, gute Drinks und die Tatsache, dass der Geschäftsmann sich mit dem Punk am Tresen betrinkt. Beide können sich ausgelassen über Gott und die Welt unterhalten und feiern.“ Zusätzlich ist zu erwähnen, dass der selbstgemachte Mexikaner und das rustikale Ambiente auch zum Erfolg beigetragen haben.

Bevor eine eigene Kneipe eröffnet werden kann, sind aber auch einige Formalien zu klären. Ein Gastwirt braucht man zwar keinerlei Vorbildung oder Voraussetzungen, jedoch darf er nicht vorbestraft sein und benötigt eine Gaststättenerlaubnis von der zuständigen Konzessionsbehörde. Um letztere zu bekommen, muss eine eintägige Unterrichtung bei der IHK besucht werden. Die Erlaubnisgebühr für die Konzession kann zwischen 50 und 5000 € liegen. Das hängt davon ab, wo die Gaststätte liegt und wie groß sie ist.

Die Berufsbezeichnung Barkeeper ist nicht geschützt. Sie beschreibt nur die Tätigkeit, die am Tresen ausgeübt wird. Es war bisher erfolglos, eine entsprechende staatlich anerkannte Berufsausbildung nach dem Berufsausbildungsgesetz zu schaffen. Ratsam kann es sein, eine Ausbildung im Gastronomiebereich abgeschlossen zu haben. Anton selbst ist ausgebildeter Koch. „Ich denke schon, dass das sehr zum Vorteil war. Ich bekam eine gute Vorstellung von dem, wie es laufen kann, wenn man‘s richtig anpackt.“

Eine gute Kneipe braucht auch gutes Personal. Dieses ist bekanntlich schwer zu finden. Antons Bar-Team besteht mittlerweile aus 8 Angestellten. Von seinem Personal erwartet er, dass es selbstständig in der Lage ist Entscheidungen zu treffen, die dem Laden nützen. „Selbstständiges Handeln, Schalten und Walten ist da sehr wichtig“. Lange Beine können für einen Barmann bzw. eine Barfrau auch von Nützen sein. Als Chef sollte ein künftiger Wirt, laut Anton, auf jeden Fall ein „cooler Typ“ sein.

Wie man den Traum der eigenen Kneipe verwirklicht
Anton rät jungen Leuten, die auch den Traum einer eigenen Gaststätte haben, sich ihre Idee nicht ausreden zu lassen. „Lasst es lieber schön langsam angehen und bereitet die Eröffnung sehr gut vor“. Sicher sollte man auch zu Beginn bedenken, dass sich die Arbeitszeiten hauptsächlich am Abend abspielen. Das Nachtleben ist auf Dauer sehr anstrengend“, erzählt Anton.

Es ist damit zu rechnen, dass die Anfangszeit anstrengend und nervtötend wird. Auch Anton hat es sich ein bisschen einfacher vorgestellt. „Ich hätte nicht erwartet, dass wir schon gleich am Anfang so viel Zuspruch bekommen.“ Dieses Glück hat nicht jeder. Bis sich eine neue Gaststätte etabliert, kann es schon eine Weile dauern. Das hängt natürlich auch von der Stadt ab.

Das wichtigste für eine gutfunktionierende Bar sind die Gäste, die nicht ausbleiben dürfen. Diese kann man sich ja bekanntlich nicht aussuchen, oder doch? Das Publikum des „Seitensprungs“ besteht aus den typischen Nachtschwärmern. „Es verirrt sich jeder einmal in den „Seitensprung“, ob das nun Studenten, Punks, Skins oder Geschäftsleute sind – das spielt keine Rolle. Wir sind da sehr offen und tolerant.“ Unerwünscht sind in Antons Kneipe aber auf jeden Fall Nazis und andere Stressmacher. Problematisch für einen Gastwirt können auch seine Freunde werden. Entweder erwarten sie manchmal einen Drink auf Kosten des Hauses oder wollen vor allen anderen bedient werden. Dafür gibt es leider keine Patentlösung.

Selber nicht sein bester Kunde zu sein, ist eine der ältesten Regeln der Bar-Szene. Aber das Geschäft lebt vom Alkohol und kein Wirt hält das ewig durch. „Ich kriege Kopfschmerzen, wenn ich an dieses Thema denke“, erzählt Anton aus eigener Erfahrung. An dieser Stelle kann nur dazu geraten werden, seinen Konsum in Maßen zu halten und diszipliniert zu sein. Es kommt auch vor, dass so mancher Gast einen auch mal einladen möchte. Antons Lieblingsdrink ist zurzeit Gin-Tonic. Bei seinen Gästen geht aber am besten das „Gurkenwasser“, das eigentlich „russian Mule“ heißt.

Für eine neue Kneipe sollte auch Werbung gemacht werden. Wie geworben werden muss, hängt natürlich davon ab, welches Klientel die Gaststätte ansprechen soll. Anton selbst brauchte wenig Reklame für seinen Laden. Bis auf ein paar Flyer und Plakate, die nicht gerade an vielen Plätzen ausliegen, nutz er seine Facebook-Fanpage um auf den „Seitensprung“ aufmerksam zu machen. Hilfreich für den raschen Erfolg war auch sein großer Freundes- und Bekanntenkreis und die Mund-zu-Mund-Propaganda. „Sie ist einfach ehrlicher und die Kunden vertrauen eher einem Freund der sagt: „ Ey da ist es geil, da musst du hin“, als wenn da so ein Hochglanzflyer irgendwo rumliegt“.

Jeder der noch offene Fragen rund um das Thema des Gaststättenwesens hat, ist abschließend, zu raten mal selber dem „Seitensprung“ zu besuchen. Hinter der Bar hat das Team immer ein offenes Ohr für seine Gäste.

* Name durch Redaktion geändert