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„Wenn wir zum Eishockey gehen, dann sind wir eigentlich arbeiten.“

Reportagen

Dies ist nicht die Aussage eines Profieishockeyspielers oder eines Imbissverkäufers im Stadion, sondern die von Christian Klämbt (42, rechts im Bild), 1. Vorsitzender des Landesarbeitskreises Mobile Jugendarbeit Sachsen e.V.. Er und André Robew (32, links im Bild) sind Sozialarbeiter des Mobile Jugendarbeit e.V. Weißwasser.

Hervorgegangen ist der Verein aus einem Modelprojekt, das Anfang der Neunziger Jahre zustande kam. Bei diesem wurden mehrere Standorte ausgeschrieben. Inhalt des Projekts war Aggressionsbewältigung bei rechtsextremorientierten Jugendlichen. Bedingung für das Zustandekommen eines solchen Standortes war, dass die Arbeit in Form mobiler Jugendarbeit, sprich Streetwork, stattfinden soll, damit das ganze einen freieren Rahmen hat.

Aber nicht nur beim Eishockey, sondern generell bei Sportveranstaltungen, Tankstellen, Sport- und Spielplätzen oder ähnlichen Orten lernen sie ihre Klienten kennen. „Solche Jugendtreffs gibt es in jedem Ort“ sagt André Robew. Bei ihren Klienten handelt es sich um Menschen ohne Problembewusstsein und mehrfach benachteiligte Jugendliche. Das sind oft bildungsschwache junge Männer, aber auch die Mädchen hohlen in allen Belangen auf, erzählt Christian Klämbt. Ein weiterer erschreckender Fakt der hinzukommt ist, dass fast 90 % der Klienten Drogenkonsumenten sind. Was bewegt jemanden mit diesen Menschen zu arbeiten und wie sieht diese Arbeit aus?

Zu den allgemeinen Tätigkeiten eines Sozialarbeiters gehört neben dem Streetworking, der Beratung und Vermittlung, den Leuten Zugang zu Hilfesystemen zu ermöglichen und sie in Angebote einbinden zu können. Auch bei Behördengängen oder anderen ganz alltäglichen Dingen unterstützen sie ihre Klienten. Sie helfen ihnen, ihr Leben selbst wieder in die Hand zu nehmen und damit klar zu kommen. Einen typischen Tagesablauf gibt es daher in diesem Beruf so nicht. Das liegt unter anderem daran, dass die Klienten keine Strukturen haben. „Manch einer sagt er kommt um 10:00 Uhr und erscheint erst am Nachmittag. Pünktlichkeit kann man da nicht erwarten.“, erwähnt Herr Klämbt. Die Leute wissen wo und wann man sie erreichen könne. Sie melden sich zu jeder Tages- und Nachtzeit zur Krisenintervention, ergänzt er. Aber Sozialarbeiter können auch nicht alles machen und vermitteln ihre Klienten auch weiter.

„Ziel ist es“, Herrn Klämbt, zufolge „die Klienten zu einem Zeitpunkt X einem weiteren Ansprechpartner vermitteln zu können“. Das kann z.B. die ARGE oder die Schuldnerberatung sein. Dennoch bleiben sie weiterhin ein Ansprechpartner für die Klienten und sind offen für sie wenn sie weitere Probleme haben.

Vor dem Internet macht die Sozialarbeit auch nicht halt. „Es gibt mittlerweile auch Förderprojekte bei denen Sozialarbeiter online aktiv sind, da einige Jugendliche nur noch im Netz anzutreffen sind“ weis Herr Robew.

Auf die Frage wie viel Verantwortung Sozialarbeiter gegenüber ihren Klienten haben, wird ganz klar eingeschränkt, dass dies nicht die Aufgabe eines Sozialarbeiters sei. „Jeder ist eigenverantwortlich für sein Leben.“ stellt Christian Klämbt klar. Sozialarbeiter erklären ihnen “nur“ was nicht funktioniert in deren Leben. Sie zeigen Alternativen auf, helfen ihnen Ziele zu entwickeln und diese zu erreichen.  Diese Ziele sind zu Anfang meist ganz einfacher Natur, zum Beispiel eine eigene Wohnung oder eine Fahrerlaubnis. „Wenn man aber bei der Polizei einen Eintrag wegen  Besitzes oder Konsum von Betäubungsmittel hat, ist das schwierig“ teilt Herr Klämbt mit.

Was für andere Menschen in ihrem Berufsleben wichtig ist, nämlich Erfolgserlebnisse, darauf kann ein Sozialarbeiter unter Umständen lange warten. Ziel der Arbeit sei nicht der eigene Erfolg, sondern der des Klienten. „Das kann sich als sehr langwierig herausstellen.“ wie Herr Klämbt erklärt. Daher sollte jeder, der diesen Beruf ergreifen möchte, eine gehörige Frustrationstoleranz mit sich bringen. Denn wenn etwas bei der Arbeit mit den Klienten nicht funktioniert, sollte man das nicht immer auf sich selbst beziehen. Eine weitere wichtige Eigenschaft, die ein zukünftiger Sozialarbeiter mitbringen sollte, ist laut Christian Klämbt Flexibilität. Desweiteren braucht man die Bereitschaft, sich auf Leute einlassen zu können, die eine andere Lebenseinstellung haben. Kein Sozialarbeiter sollte versuchen, seine eigene Lebensentwicklung auf andere zu übertragen. Zu akzeptieren, was die Klienten an Eigenschaften und Vorstellungen mitbringen, gehört dazu. Daher spielt Konsequenz und Ehrlichkeit auch eine wichtige Rolle, weil sich die Leute auf einen verlassen und man möglicherweise der einzige Ansprechpartner für sie ist. Ebenfalls benötige man einen gesunden Abstand zur Arbeit, warnt Herr Klämbt vor.

Als schulische Voraussetzung geht kaum ein Weg an einem Studium vorbei. Aber man muss nicht gleich Sozialarbeit oder Sozialpädagogik studieren um eine solchen Laufbahn einzuschlagen. „Psychologen können in einem solchen Team auch hilfreich sein. Auch jemand der auf Suchtprobleme spezialisiert ist kann helfen“ gibt Christian Klämbt zukünftigen Sozialarbeitern mit auf den Weg. Er würde auch Erzieher einstellen, wenn es deren persönliche Eignung hergibt. Das einbeziehen von Erziehern in bestimmte soziale Projekte schließen die Fördermittelgeber aber teilweise über ihre Richtlinien aus.

Die Fördermittelgeber sind ebenfalls wichtig für den Sozialarbeiter, da sich deren Arbeit zu 100% von staatlichen Geldern finanziert und im sozialen Bereich um jeden Euro gestritten wird. Nur das Jugendhaus „Die Garage“, das von dem Mobile Jugendarbeit e.V. Weißwasser mit betreut wird, finanziert sich durch Konzerte und andere Veranstaltungen selbst. Die anderen Arbeiten die Christian Klämbt, André Robew und deren Kollegen ausüben werden durch Bund und Länder getragen.

Zu diesen anderen Arbeiten gehört neben der mobilen Jugendarbeit und dem Jugendhaus die Kompetenzagentur, ambulante Hilfe zur Erziehung, Erziehungsbeistand, Betreuungsweisung und soziale Gruppenarbeit. Im Jugendhaus, in dem Künstler und Musiker wie Kool Savas, Olaf Schubert oder Die Kassierer schon auftraten, findet die Kulturarbeit statt. Das ist ein offener Treff, wo Vertrauensebenen zu den Jugendlichen geschaffen werden. Bei der Kompetenzagentur handelt es sich um ein Bundesprogramm für Mehrfachabbrecher von Bildungsmaßnahmen. Ambulante Hilfe zur Erziehung wendet sich an die Familien, dabei wird ihnen geholfen ihren Lebensalltag umzustrukturieren. Betreuungsweisung meint, dass straffällig gewordene Jugendliche einen Sozialarbeiter zur Seite gestellt bekommen, um zu vermeiden, dass sie irgendwann im Gefängnis landen.

Zwischendurch klingelt das Telefon. André Robew macht mit einem Jugendlichen einen Termin aus um ihm dabei zu helfen, Bewerbungen für einen Ausbildungsplatz zu schreiben. Auch das kann zu den Aufgaben eines Sozialarbeiters gehören.

Beim Thema soziale Arbeit in TV-Formaten wie „Die Mädchengang“, „Die Ausreißer“ oder „Die Supernanny“ meint Herr Klämbt, das sei absoluter Blödsinn. Die Bilder die dort vermittelt werden seien fernab der Realität. Echter Kontaktaufbau dauert mindestens ein halbes bis dreiviertel Jahr und geschehe nicht innerhalb von zwei Monaten. Herr Robew kann diesen Sendungen lediglich die Tatsache abgewinnen, dass es nett ist, dass diese Formate die Problematik in die Öffentlichkeit rücken.

„Wie bei jedem anderen Beruf sollte man vorher Erfahrungen gesammelt haben.“, rät André Robew sozial Interessierten. Das kann durch ein Praktikum geschehen oder der Teilnahme an einem Projekt bei einer örtlichen Einrichtung.

Vor allem den Kontakt auf der Straße zu den zukünftigen Klienten aufzubauen fällt vielen anfangs schwer. „Das ist eben anders als in einem Büro zu zweit zu sitzen, mit einem Schreibtisch dazwischen“ fügt Christian Klämbt hinzu.

www.garagewsw.de

www.myspace.com/ajzdiegarage

www.mja-sachsen.de