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Und sie kommen doch!

Leben

Mehr als 20 000 Musikfans – darunter 3000 internationale Gäste – sind am vergangenen Wochenende in die Hauptstadt gekommen, um auf dem stillgelegten Flughafen Tempelhof an zwei Tagen Dutzende Bands zu feiern. Publikum und Musiker erlebten ein durchwachsenes Festival.

Als die Hamburger Rockband Tocotronic am Freitag die Hauptbühne auf dem Rollfeld betritt, hat sich bereits eine beachtliche Menschenmenge eingefunden. Vergleicht man die Haltbarkeitsdauer der meisten Festival-Bands mit dem Durchschnittsalter des Publikums, dann hat der Auftritt von Tocotronic (gegründet 1993) in etwa die Bedeutung eines Vater-Sohn-Tages auf einem Rolling-Stones-Konzert: verdammt wichtig, aber irgendwie aus der Zeit gefallen.

 

Tocotronic wählen aus ihrem unfassbar reichen Song-Fundus das Stück "Freiburg" aus, um das Konzert zu eröffnen. "Ich weiß nicht, wieso ich euch so hasse. Fahrradfahrer dieser Stadt", singt Dirk von Lowtzow. Als erstes Lied, in Berlin, auf diesem Festival ist das kein Zufall.

Auch bei der achten Ausgabe des Berlin Festivals haben die Veranstalter die Klang-Probleme nicht in den Griff bekommen. Viele Konzerte werden von der Architektur des Flughafenbaus geschluckt. Der Klang – leider viel zu oft ein undefinierbarer Brei. Viele Konzerte wie die von der dänischen Dance-Combo WhoMadeWho oder dem New Yorker Elektronik-Experimentalisten Nicolas Jaar sind sehr gut, aber der Funke springt nicht über. Ein Kunststück, das die Chemnitzer Band Kraftklub schafft. "Wir wissen, der Klang lässt zu wünschen übrig. Aber Berlin: Uns ist das egal", sagt Sänger Felix Brummer.

Kraftklub spielen ein sehr unterhaltsames und kurzweiliges Konzert. Wie bei Tocotronic bekommen Stadt und Leute eins mit: "Früher war Berlin verschrien als Stadt der Hipster. Schaut nach links und schaut nach rechts. Wer einen sieht, hebt seine Hand", ruft Brummer. Tausende Menschen halten ihre Arme in die Luft. Es folgt die Anti-Hymne: "Ich will nicht nach Berlin". Neu waren bei der achten Ausgabe die Konzeption des Geländes, die ovale Bühnenarchitektur in Flugzeug-Optik und das Künstlerdorf. Zu sehen gab es beispielsweise Street Art und aufwendige Installationen. "Niemand hat vor, einen Flughafen zu bauen", steht als Slogan auf mehreren Bannern.

Am Ende wird es versöhnlich. Bei der weltgrößten Silent Disco tanzen Hunderte Besucher mit Kopfhörern zu Musik, die per Funk vom DJ-Pult übertragen wird. In der Besuchermenge steht ein einzelner Herr. Er trägt ein T-Shirt, auf dem steht: "Too old to die young" (Zu alt, um jung zu sterben). Um ihn herum tanzt und singt die Jugend dieser Stadt zur Disko-Hymne "We are your friends" (Wir sind eure Freunde) von Justice. Es ist ein gutes, ein versöhnliches Bild, in dieser Stadt, in die offenbar niemand so richtig will und doch irgendwann landet.

 

Autor: Alexander Dinger

Fotos: Marcus Scheib

 

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