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Ruhige Schicht auf Kreisstraßen

Reportagen

Wie Taxifahrer Reinhardt Schmidt die Wartezeit auf eine Tour übersteht. Reinhardt Schmidt kennt viele Senftenberger und viele Senftenberger kennen ihn – zumindest vom Sehen. Seinen Namen hingegen kennen die wenigsten.

Der eine oder andere hat bereits mehrmals mit ihm telefoniert. Zu tiefsten Nachtzeiten, wenn die meisten schlafen. Denn genau dann ist er auf den Straßen im Oberspreewald-Lausitz-Kreis unterwegs. Seit anderthalb Jahren ist Reinhardt Schmidt Taxifahrer beim Senftenberger Taxiunternehmen Döge. „Dazugekommen bin ich durch eine Umschulung des Arbeitsamtes", erzählt der heute 60-Jährige. Dass er einmal als Taxifahrer arbeiten würde, hätte er sich nach eigenen Angaben nie gedacht. „Ich habe 40 Jahre im Bergbau gearbeitet. In der Brikettfabrik ‚Sonne’ war ich Schichtmeister." Doch als die Schließung der Fabrik bekannt wurde, war für ihn klar: „Ich werde keine Arbeit mehr bekommen." Und genau das ist auch passiert. Doch plötzlich gab es einen großen Schock für ihn. Das Arbeitsamt hatte ihm jede weitere Leistung versagt. Grund: „Meine Frau geht noch arbeiten und verdient Geld. Das hätte für uns beide reichen müssen." Doch das war für Reinhardt Schmidt indiskutabel. Deshalb entschied er sich, das Angebot einer Qualifizierungsgesellschaft in Anspruch zu nehmen und ließ sich zum Taxifahrer umschulen. Seit dem ist er auf den Straßen in und um Senftenberg unterwegs .

Geschäft läuft im Sommer schlecht

„Im Moment läuft das Geschäft aber eher schlecht", bewertet der 60-Jährige. Die Leute verzichten gern auf das Taxi, wenn das Wetter gut ist. „Es gibt Tage, an denen habe ich nur eine Tour. Das wird wohl auch heute wieder so werden", schätzt er die Lage ein. Seit 15.30 Uhr ist der ehemalige Schichtmeister der Brikettfabrik inzwischen einsatzbereit. „Das Warten ist das Schlimmste. Dabei vergeht die Zeit überhaupt nicht. Wer sich da keine Abhilfe schafft und das eine oder andere zum Lesen mit dabei hat, dreht durch."

Dann gebe es das krasse Gegenteil. „In Spitzennächten, zum Beispiel zur Karnevalszeit, fahre ich bis zu 400 Kilometern. Meistens nicht am Stück, aber auch die Stadttouren lohnen sich. Kleinvieh macht eben auch Mist", sagt er lächelnd. Besonders gern hat Reinhardt Schmidt Fahrgäste, die Stimmung machen, ein Späßchen vertragen und vielleicht sogar noch ihre eigene CD dabei haben. „Einmal hatte ich ein paar Jugendliche im Taxi sitzen, die gerade aus dem Wandelhof gekommen sind. Das war eine lustige Fahrt. Die Jungs haben gleich munter-fröhlich drauf los gequatscht und jede Menge witziger Sachen erzählt. Da habe ich gar nicht gemerkt, wie schnell die Zeit verging. Solche Fahrten mag ich am meisten", erzählt Reinhardt Schmidt.

Neidisch auf den Beruf

Immer wieder gebe es Leute, die ein bisschen neidisch auf den Beruf des Taxifahrers sind. „Viele denken, dass es eben toll ist, den ganzen Tag zu warten und mit dem Auto durch die Gegend zu fahren. Die Jugendlichen, von denen ich vorhin schon erzählt habe, waren auch so. Doch als sie mitbekommen haben, wie oft das Telefon auf der Fahrt von Schwarzheide nach Senftenberg geklingelt hat, und wie viele Touren ich mir merken musste, hatten sie Respekt und wollten dann doch keine Taxifahrer mehr werden." Dennoch bereite ihm die Arbeit unheimlichen Spaß, betont Reinhardt Schmidt.

„Es gibt aber auch traurige Aspekte an der Arbeit. Wenn wir zum Beispiel Krankentransporte nach Dresden oder Berlin fahren. Meist sind das Patienten, die zur Bestrahlung oder zur Dialyse müssen. Die können einem schon so richtig leid tun", sagt er.

Das Telefon klingelt

Mitten im Satz unterbricht das Telefon das Gespräch. Mit einem Druck auf das Lenkrad kann Reinhardt Schmidt den Anruf entgegennehmen. „Eine tolle Erfindung diese Freisprech-Einrichtung", sagt er. Am anderen Ende ist seine Chefin. Sie gibt einen Auftrag durch. Reinhardt Schmidt atmet auf. Endlich geht es los. Er holt eine Frau aus dem Senftenberger Kronprinzen ab. Sie hat dort ihrer Tochter geholfen und will nun zurück nach Hosena. Eine 14-Kilometer-Strecke. Das ist für Reinhardt Schmidt keine seltene Fahrt. „Die Frau gehört schon fast zu unseren Stammkunden. Sie ist immer ganz nett. Da macht das Fahren wirklich Spaß", erzählt er.

Ein Pläuschen hält der Fahrer nebenbei mit ihr. Sie reden über Gott und die Welt. Nach elf Minuten ist die Frau vor ihrer Haustür angekommen. 14 Euro muss sie für die Fahrt bezahlen. Dann ist die Tour für Reinhardt Schmidt schon wieder Vergangenheit. Er fährt zurück nach Senftenberg und stellt sich an seinen angestammten Platz. Vor dem Bahnhofsausgang wartet er auf neue Aufträge oder Fahrgäste, die sich mal eben schnell vom Bahnhof aus nach Hause fahren lassen wollen.