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Immer in Bewegung, immer nach vorn

Musik

Drei Jahre mussten die Fans von Revolverheld warten, bis die Rock-Pop-Band um Frontmann Johannes Strate ihr neues Album "Immer in Bewegung" herausbrachten. Bald sind sie auch wieder live zu sehen.

Nach dem Debütalbum „Revolverheld“  von 2005, mit dem die Jungs aus Hamburg auf Anhieb die Charts stürmten, knüpften sie mit zwei weiteren Alben und Songs wie „Ich werd die Welt verändern“ und „Halt dich an mir fest“ rasch an Hits wie „Freunde bleiben“ an. Nach einer kleinen Auszeit vom gemeinsamen Musizieren kehren sie jetzt aber umso motivierter zurück, mit größerem Sound und unbändige Lust auf alles was kommt. Im März gehen sie auf Tour – mit der größten Bühnenshow, die sie jemals geplant haben. Wir sprachen jetzt schon mit Gitarrist Kris Hünecke über die Show, das Album, die Band und über Fußball.

Wie bist du zur Musik gekommen?

Ich bin relativ natürlich zur Musik gekommen, und zwar habe ich recht früh angefangen Gitarre zu spielen. Mit sechs Jahren habe ich angefangen, Konzertgitarre zu spielen, fand das aber irgendwann doof, weil man nur klassische Stücke gespielt hat. Als ich aber auf das Gymnasium kam, gab es dort eine spannende Bandszene. Ich habe angefangen, E-Gitarre-Unterricht zu nehmen und in vielen Schulbands gespielt – dafür habe ich mich total begeistert! Und irgendwann habe ich gemerkt, dass das mehr als ein Hobby ist. Ich habe sehr viel Energie hinein gesteckt und für mich war klar, dass ich später probieren will, mit einer Band mein Geld zu verdienen. Das schwierige daran ist nur, die richtigen Leute dafür zu finden, die genauso für die Musik brennen und etwas mit der Musik erreichen wollen.

Wie ist es schließlich dazu gekommen, dass ihr Revolverheld gegründet habt?

Jacob und Niels habe ich schon in der Schule kennengelernt und mit ihnen in anderen Bands gespielt. Jakob hat dann hier im Popkurs in Hamburg Johannes kennengelernt – und so ging es seinen Gang. Es haben sich Leute gefunden, die es einfach wissen wollten. In Hamburg haben wir wahnsinnig viele Hobbymusiker und auch eine gute Amateurszene, aber  wenige Leute, die einfach alles auf eine Karte setzen.

Das klingt nach einem nahtlosen Übergang von der Schule zum Erfolg mit der Band Revolverheld. Dabei hast du doch nach dem Abitur auch noch eine Ausbildung gemacht…?

Genau. Gerade in der Zeit, als wir uns als Band gefunden haben, habe ich eine Ausbildung zum Kaufmann für audiovisuelle Medien gemacht. Die Ausbildung hat mir schon dabei geholfen, alles etwas entspannter zu sehen. Ich habe es relativ schnell durchgezogen und konnte die Ausbildung auf zwei Jahre verkürzen, was mein Glück war. Danach habe ich – mit der Ausbildung in der Tasche – guten Gewissens alles auf eine Karte setzen können.

Wie konntest du denn die Ausbildung und das Bandleben vereinbaren? Hast du tatsächlich nach dem Arbeitstag noch Musik gemacht?

Ja, ich habe mit vielen Musikern gesprochen, die schon lange in dem Geschäft sind, und alle sagen, dass das die Phase ist, in der viele Bands zerbrechen: die Phase, in der man von der Musik einfach noch nicht leben kann und noch andere Sachen machen muss. Ich kenne so viele Leute, die normale Jobs haben, aber trotzdem an der Musik gearbeitet haben, zu den unmöglichsten Zeiten. Ich glaube, dass dieses Überschreiten der eigenen Grenzen den Unterschied ausmacht zu den Leuten, die es nicht schaffen. Klar, ein Quäntchen Glück gehört immer dazu, aber ich bin auf jeden Fall der Überzeugung, dass der Fleiß und auch die Verrücktheit für die Musik zu brennen den Unterschied machen.

Hast du dich bewusst für den Beruf des Kaufmanns für audiovisuelle Medien entschieden, weil es deiner Leidenschaft, Musik zu machen, relativ nahe liegt?

Ich habe zuerst ein Praktikum bei Edel Records in Hamburg gemacht und konnte dabei  in die Business-Seite der Musik hinein schnuppern. Dort habe ich auch das Interesse dafür entwickelt, zu sehen wie das gesamte Medien-Business eigentlich funktioniert. Das hat mich so sehr interessiert, dass ich bei Axel Springer die Ausbildung zum Kaufmann für AV-Medien gemacht habe. Das war schon eine gute Sache und ich habe wahnsinnig viel dabei gelernt. Es hat mir geholfen, das Musikgeschäft ein bisschen besser zu verstehen. Außerdem habe ich schon bei meinem Praktikum Leute kennengelernt und konnte viele Kontakt knüpfen. Überhaupt ist Kontakte knüpfen und offen sein wahnsinnig wichtig.

Jetzt hast du schon ein paar Sachen genannt, die wichtig sind, um mit dem was man tut, erfolgreich zu sein: Fleiß, ein bisschen Verrücktheit, Kontakte knüpfen. Fällt dir sonst noch etwas ein, was man mitbringen sollte?

Ich glaube ehrlich gesagt, dass es gar kein Rezept gibt. Bei mir hat es eben so funktioniert. Das Entscheidende ist relativ früh zu verstehen, dass man für eine Sache, an der man einfach total viel Spaß hat, sehr viel Anerkennung bekommen kann. Ich kenne auch viele Leute, deren Eltern Berufe ausgeübt haben, mit denen sie nicht glücklich waren und die abends unglücklich über ihren Arbeitstag waren. Schon von frühester Jugend an war es deshalb mein absoluter Wunsch, dass ich nicht so ein Leben habe, sondern dass ich – egal wie viel Geld ich auch verdiene – etwas mache, worauf ich morgens, wenn ich aufstehe, wirklich Bock habe und wofür ich mich eher bremsen muss, als dass ich mich zur Arbeit schleppe.

Ihr habt euch als Band quasi von selbst gefunden, seid nicht zusammen gecastet. Ist es das Erfolgsrezept für eine Band, die auch über einen längeren Zeitraum erfolgreich ist, dass ihr dieselben Interessen und dieselbe Leidenschaft für die Musik habt?

Ich glaube es ist einfach die Natürlichkeit der Sache, die uns erfolgreich macht. Zum Glück kennen wir uns schon seit der Schulzeit. Da merkt man, ob es klappt oder nicht. Wir sind auch als Musiker zusammen gereift. Wir waren ja wahnsinnig schlecht, als wir angefangen haben [lacht], und sind den Weg zusammen gegangen. Sowas schweißt natürlich auch zusammen. Viele Bands, die ich kenne, haben sich so gefunden. Es ist eher der unnatürliche Weg, dass man so zusammengewürfelt wird. Ich muss auch dazu sagen, dass ich von den meisten Casting Shows nichts halte, weil da keine nachhaltigen Produkte und Bands rauskommen. Es gibt eigentlich nur „The Voice“, was ich ganz cool finde, weil es da einfach um Musik geht. Aber die anderen Formate haben einfach eher mit der Sensationslebensgeschichte der Kandidaten zu tun als mit der Musik. Zum Glück geht die Anzahl der Castingshows wieder zurück.

Zum Prozess der Albumentwicklung: Das letzte Album ist 2010 erschienen und das neue Album im September. Brauchtet ihr tatsächlich die drei Jahr für die Arbeit an dem neuen Album, um euch zu finden? Wie ist das neue Album entstanden?

Wir haben ja keine drei Jahre Pause gemacht, sondern Johannes und ich haben auch Soloalben herausgebracht, mit denen wir uns ein bisschen ausprobieren konnten. Nach dem letzten Album „In Farbe“ war einfach ein Punkt erreicht, wo wir gesagt haben: wir haben jetzt wirklich sieben oder acht Jahre durchgerockt – und wo stehen wir jetzt? Jeder musste ein bisschen Abstand haben, musste sich auch mal um andere Sachen kümmern. Das Privatleben ist schließlich auch sehr wichtig. Wir haben irgendwie gelernt, uns auch ein bisschen bewusster zu bewegen, auch mal einen Schritt zurück zu gehen und zu schauen, wo wir stehen, und die Schritte bedachter zu machen. Es war sehr schön, als wir uns nach den Soloalben wieder für die neue Platte zusammengesetzt haben. Wir haben uns gegenseitig unsere Lieblingssongs vorgespielt und diskutiert, was wir gut und was wir doof finden.  So sind wir dazu gekommen, zu diskutieren, wo wir eigentlich als Band stehen und wo wir musikalisch hin wollen. Es war dann relativ schnell festgelegt, dass wir einfach ein Stück weit weg wollen von diesem typischen Rock-Band-Sound mit zwei Gitarren, Schlagzeug, Bass und Gesang,  und mehr in diese üppige Instrumentierung gehen wollen. Melodien waren auf einmal wichtiger für uns. Das war so der Startschuss dafür, das der Weg von „Revolverheld“, „Chaostheorie“ und „In Farbe“ hin zu „Immer in Bewegung“ führte.

Wenn man sich Besprechungen eures neuen Albums liest, liest man oft ihr wäret „erwachsener“ geworden.  Man hört es ja auch aus den Texten heraus, bei „Das kann uns keiner nehmen“ zum Beispiel.  Würdest du die Aussage, ihr wäret erwachsener geworden, unterschreiben? Was würdest du als das Neue an dem neuen Album bezeichnen?

Musikalisch habe ich ja schon ein paar Sachen dazu gesagt. Und inhaltlich ist es einfach so, dass es nun mal nicht mehr die Themen eines Anfang-Zwanzig-Jährigen oder eines Teenagers sind. Auf dem ersten Album waren ja auch Songs, die ich mit 16 oder 17 geschrieben habe. Da ist man natürlich in einer anderen Welt unterwegs. Das hat sich über die Alben immer ein bisschen entwickelt. Ich glaube vom dritten zum vierten Album ist der Schritt fast am größten. Wir hatten eben diese Pause und viel Zeit über uns als Personen nachzudenken. Man hört es dem Album auch an, dass wir in dem Alter sind, in dem wir alles ein bisschen bedachter machen, alles ein bisschen mehr reflektieren, aber auch ein bisschen entspannter sind. Wir gucken zwar zurück, aber wir gucken nicht wehmütig zurück oder sagen, dass alles so gut war, wie es nie wieder wird. Das ist das, was man auch unter das Album schreiben kann: wir bewegen uns. Wir bewegen uns nicht mit Wehmut nach hinten, sondern wir bewegen uns nach vorn und wollen uns immer wieder neu erfinden, als Personen, aber auch musikalisch. Und was auch immer zwischen den Zeilen hervorblitzt, ist dieses Wort „Verantwortung“. Wir sind uns einfach bewusst geworden, im Privaten wie auch im musikalischen Bereich, dass wir Verantwortung übernehmen können.

Ihr geht ja im März auf Tournee. Wenn du sagst, ihr seid entspannter geworden: eure Konzerte doch hoffentlich nicht? Was erwartet uns da?

Gerade im Gegenteil. Wir können das auf der Bühne viel mehr genießen. Wir haben ja früher immer mit dem Kopf durch die Wand gelebt. Die Generation Rock: wir wollten alles sofort. Und so ist es ja als Anfang-Zwanzig-Jähriger normal. Jetzt können wir das alles ein bisschen besser genießen. Natürlich haben wir immer noch eine energetische Bühnenshow und geben alles auf der Bühne. Das ist ja auch das, wofür wir die Alben schreiben: für die Bühne. Wir wollen zu dem Album, was ja musikalisch einen etwas größeren Sound hat, auch eine größere Bühnenshow machen. Wir haben uns erstmalig richtig detailliert Gedanken gemacht zu einer großen Show, was einfach auch zum Sound passt. Das macht alles gerade sehr viel Spaß und wir sind sehr gespannt, wie die Leute, die zu unseren Konzerten kommen, das dann finden. Wir sind jedenfalls gerade Feuer und Flamme. Man kann auf jeden Fall sagen, dass das die größte Show wird, die wir jemals geplant haben.

Ihr spielt auch auf dem Highfield. Wie sehr freut ihr euch denn darauf, also auf die richtig große Bühne vor richtig vielen Leuten?

Das ist wahnsinnig schön. Das schöne ist ja, dass wir beides haben: Clubshows, wo wir nahe am Publikum sind, wo du als Gitarrist auf der Bühne stehst und du direkt in ein Gesicht guckst und du genau siehst, ob das, was man da macht, jetzt gut so ist oder schlecht – das ist einfach ein wahnsinnig gutes Gefühl. Aber wir spielen auch auf großen Festivals wie Highfield und Hurricane. Auf solchen Festivals siehst du halt eine Masse. Die Masse strahlt auch eine Energie aus, und die kann wahnsinnig intensiv sein, aber einzelne Gesichter zu sehen, ist dabei wahnsinnig schwer. Es hat beides seinen absoluten Reiz, es ist beides echt toll. Aber ich freu mich jetzt erst einmal auf die Tour im März, und dann auf die Festivals. Diese Abwechslung ist sowieso etwas Tolles als Band! Du bist im Studio und sprichst einfach monatelang nicht wirklich mit Menschen [lacht], und dann gehst du raus und hast dieses direkte Feedback und auf einmal dieses riesige Publikum bei Festivals, die du erreichst und die du ja auch nicht alle glücklich machen kannst. Du versuchst es zwar, aber bei Festivals sind immer Fans von allen möglichen Bands, und du musst sie dir erspielen. Das ist sehr reizvoll.

Zum Feedback vom Publikum habe ich auch noch eine Frage: Ihr habt ja jetzt dieses tolle, wahnsinnig berührende, romantische, emotionale Video veröffentlicht und auf Facebook geteilt. Darauf gab es ja auch eine enorme Resonanz. Habt ihr damit im Vorfeld gerechnet?

Also bei diesem Video haben wir mit nichts gerechnet, weil wir so Feuer und Flamme für die Idee waren. Gerade wenn man einen Liebessong auskoppeln will, dann hat man immer ein unglaubliches Problem, nämlich eine Idee für ein Video zu finden. Die meisten Ideen, die man ad hoc hat für einen Liebessong hat, sind einfach unglaublich langweilig, schnulzig und kitschig. Das wollten wir einfach nicht mehr sehen. Die Grundidee bei „Ich lass für dich das Licht an“ war, dass man vielleicht ein Dokumentationsvideo dreht, einfach was Echtes, nichts Ausgedachtes, nichts Artifizielles. Und wie es der Zufall so wollte, haben wir David, einer von Johannes besten Freunden, der seiner Freundin den Heiratsantrag gemacht hat, in einer Hotelbar in Münster getroffen, wo wir, nachdem wir einen Anschlusszug nach Hamburg verpasst hatten, gelandet waren. Wir sind dann zusammen feiern gegangen und haben irgendwann herum gesponnen, und die Idee ist dann ein paar Tage später gereift. Ich find es sehr mutig von David, weil da ja diese große Öffentlichkeit ist, und auf der anderen Seite finde ich es sehr sehr romantisch. Und die Reaktionen zeigen ja auch, dass das, was echt ist, auch viele Leute interessiert und dass das viele Leute sehen wollen. Vielleicht ist es auch das, was man vermisst in dieser ganzen Musikbranche: dass einfach mal etwas nicht Ausgedachtes passiert.

Ja, etwas Echtes berührt eben immer am meisten. Noch eine Frage, die nur am Rande mit der Musik zu tun hat: ihr habt ja 2008 auch den Song zur Fußball-EM gemacht. Seid ihr denn tatsächlich auch so Fußball-begeistert und wie sehr freut ihr euch auch auf die Fußball-WM? Verfolgt ihr die dann gemeinsam, vielleicht beim Public Viewing oder ähnliches?

Ja, wir sind unglaubliche Fußballfans. Das ist immer ein großes Thema. Wenn wir auf Tour sind, haben wir immer unser Sky go mit und gucken und diskutieren. Es gibt ja unterschiedliche Fan-Lager in der Band, aber bei internationalen Turnieren sind wir alle natürlich Feuer und Flamme für die Nationalmannschaft. Deswegen haben wir auch den Fußballsong damals gemacht. Die Weltmeisterschaft in diesem Jahr ist natürlich ein Riesenevent, auf das wir uns wahnsinnig freuen. Und wir versuchen auch irgendwie nach Brasilien zu kommen. Wir lieben es ja mit deutschen Texten im Ausland zu spielen und zu schauen, wie es wirkt. Dabei lernt man viel über seine Musik, weil die Leute den Text ja gar nicht verstehen können und es einfach nur um die Emotion geht. Deswegen wollen wir unbedingt auch was im Ausland machen. Und es wäre natürlich toll, wenn man das verbinden könnte, und wir dann auch das eine oder andere Spiel sehen könnten.

Na ich drücke euch auf jeden Fall die Daumen, bedanke mich für das Interview und wünsche euch erst einmal viel Spaß bei der Tour.

Vielen Dank.

 

Alle Tourdaten findet ihr übrigens hier.

Foto: Benedikt Schnermann