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querstadtein – Obdachlose zeigen ihr Berlin

Reportagen

Jeder hat sie schon mal gesehen - Obdachlose Menschen die in den Straßen von Großstädten leben. Viele verschiedene und traurige Schicksale stecken hinter den Gesichtern und doch gucken die meisten Menschen einfach weg und interessieren sich nicht für diesen Teil der Gesellschaft. Damit dieses weggucken aufhört und auch diese Menschen gesehen werden, gibt es in Berlin seit 2013 den Verein querstadtein.

Querstadtein wurde 2013 von zwei jungen Frauen gegründet, die unsere Gesellschaft speziell für dieses Thema sensibilisieren und vor allem erstmal wach rütteln wollen. Es sollen neue Sichtweisen und Blickwinkel eröffnet werden auf ein doch eigentlich schon altbekanntes aber weitestgehend ignoriertes Thema.

Doch wie setzt man so etwas in die Tat um? Die Idee entstand durch einen gemeinsamen Trip in London, denn dort werden bereits solche Stadtführungen von (ehemals) Obdachlosen Menschen angeboten, genauso auch in Kopenhagen und Hamburg. Nach einiger Recherche ergab sich also, dass es solch ein Projekt in Berlin noch nicht gibt. Was ziemlich verwunderlich ist, denn dort leben die meisten Obdachlosen Menschen aus der BRD.

Ich selbst bin vor einiger Zeit durch einen Artikel im world wide web auf dieses Thema gestoßen, fand es mega spannend aber vergaß es auch schnell wieder. Doch zum Glück hat man Berliner Freunde, die nicht ganz blind durchs Leben stolpern und somit wurde ich eingeladen solch eine Tour selbst mitzuerleben.

Wo schläft man, wenn man kein Bett hat?

Auf der Seite von querstadtein könnt ihr zwischen zwei Touren wählen und die Tickets für die Stadtführungen bestellen. Und sind wir mal ehrlich, die 5,40 Mark haben wir alle gerne über.

Gesagt, getan - Sonntag, den 23.02. um 14.00 Uhr am Nollendorfplatz. Supi einfach zu finden und der übliche suchende Blick in die Menge, wo eine Gruppe anfängt sich zu bilden. Kurz nach vereinbarter Zeit ging es auch schon los. Carsten, unser Führer, stellte sich kurz vor und ohne viel Vorrede stieg er gleich ins Thema ein. Er erzählte über allgemeine Definitionen von Obdachlosen, bzw. dass man ganz genau zwischen Obdach- und Wohnungslos unterscheiden muss.

Er erklärte uns, wie viele Möglichkeiten man hat, Hilfe zu suchen und anzunehmen. Wo man hin muss, wenn man auf einmal auf der Straße steht und was es mit der 10999 auf sich hat. Dann setzten wir unseren Weg fort, Richtung Winterfeldplatz. Hier gings vor allem um den geschichtlichen Hintergrund und z.b. Gruppen wie den "Nestflüchtern".

Carsten hatte echt einen beeindruckend schnellen Schritt drauf, so dass der ein oder andere "Touri" zu tun hatte, mitzuhalten. Nach wenigen Metern und zwei weiteren Stationen erreichten wir schließlich den Viktoria-Luise-Platz. Jetzt wurde es persönlich, denn genau hier hat Carsten früher gewohnt. In einem schicken, gelben Altbauhaus. Denn auch Carsten saß nicht immer auf der Straße. Mein Damen und Herren, Carsten war mal Geschäftsführer der Bread and Butter!

Weiterhin erfuhren welche, welche Überlebensstrategien man entwickeln muss um auf der Straße zu überleben. Wo man Geld her bekommt, wie man Essen kommt und das es doch einige nette Leute, vor allem ältere Damen gibt, die den Obdachlosen gerne mal Tee oder eine warme Suppe nach unten bringen.

Wo isst man, wenn man kein Geld hat?

Jetzt war es also soweit, dass unser Guide von seinem früheren Leben erzählte und wie eins zum anderen kam, dass auch er auf einmal vor dem nichts stand. Es wird einem ziemlich schnell klar, dass es jeden von uns treffen kann. Nichtsdestotrotz setzten wir alle leicht nachdenklich unseren Weg fort, Richtung U-Bahn Station, denn auch das gehört zur Tour dazu. Angekommen, im Hintergrund das überprotzige KDW, erfuhren wir hier, welche Maßnahmen die Stadt Berlin ergreift, wenn es z.b. ein sehr harter Winter ist. So werden drei U-Bahn Stationen geöffnet, in denen die Oberleitungen noch durchlaufen und somit etwas Wärme abgeben. Hier dürfen die Obdachlosen dann nächtigen.

am Vikoria-Luise-Platz

am Viktoria-Luise-Platz

"... dort gibt es dann sogar einen Wachschutz. Nein, nicht für die normalen Bürger, sondern für die Obdachlosen."

Außerdem, einzigartig in Berlin, beteiligen sich seit geraumer Zeit einige Universitäten, indem sie nachts ihre Mensen öffnen und so den Obdachlosen auch einen sicheren Schlafplatz bieten.

Weiter in der Tour, waren wir natürlich auch noch am Bahnhof Zoo. Über die größte Bahnhofs Mission Deutschlands bis zu Ullrichs. Dem wohl bekanntesten "Supermarkt", der jetzt sogar seit neusten Fernseher in seinen Schaufenster stehen hat, damit die Obdachlose, die dort meist stundenlang anstehen um ihren Pfand abzugeben, sich nicht langweilen.

Am Ende der Tour versammelten wir uns dann alle am Breitscheidplatz. Ein paar letzte abschließende Worte von Carsten, noch eins zwei Hinweise, wie man mit Pfandflaschen oder auch den "Altkleider-Containern" umzugehen hat (nämlich gar nicht, bringt die verdammten Klamotten einfach direkt an einen gemeinnützigen Verein o.ä.) und ein kurzer Dank für unsere Aufmerksamkeit.

Man könnte noch weitere 1.000.000 Zeichen darüber verlieren, aber das würde die Magie kaputt machen - drum schauts euch einfach selber an und bucht eure Tour beim nächsten Berlin Besuch.

 

Fotos: Urheberrechtshinweis: “Sally Ollech | querstadtein.org” und Urheberrechtshinweis: “Georg Dufner | querstadtein.org”