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Ganz Ohr – im Interview mit den Ohrbooten

Musik

PLANBAR feiert in diesem Jahr fünften Geburtstag. Auf dem Greenville sprachen wir mit einer Band, die es schon doppelt so lange gibt: Die Ohrbooten. Lange war es still um die Berliner Kult-Band, doch seit Mai diesen Jahres sind sie wieder mit ihrer neuen Platte "Alles für alle bis alles alle ist" unterwegs - endlich! Wie Sänger Ben und der neue Mann am Keyboard - Spange - zur Musik gekommen sind, was bei der Berufswahl - ob Bäcker oder Musiker - wichtig ist und warum man auch mal einen Blick über den Tellerrand werfen sollte, erfahrt ihr hier:

Wie war es denn bei euch so. War für euch gleich klar, dass ihr nach der Schule Musik macht oder habt ihr am Anfang noch etwas ganz anderes im Sinn gehabt? Wie seid ihr darauf gekommen, etwas mit Musik zu machen?

Ben: Das war ganz unterschiedlich bei uns, glaub ich…

Spange: Also bei mir ist es so: Es ist tatsächlich ganz normal entstanden, oder besser: Es ist aus sich heraus selbst entstanden. Ich hab mich gar nicht aktiv dazu entschieden, Musiker zu werden. Wenn ich so Abibücher und so durchlese, hab ich das Gefühl, dass alle um mich herum wussten, dass es das wird, nur ich nicht. Ich hab immer nur das gemacht, was am meisten Spaß gemacht hat. Ich hab gar nicht zwanghaft geplant, damit irgendwann mal mein Geld zu verdienen, aber es ist dann so gekommen… Ich hab einfach immer viel getan dafür. Im Nachhinein kann man schon sagen, dass da sehr viel Arbeit und Zeit und am Ende auch Geld reingeflossen ist, und man den Eltern natürlich dankbar ist, dass man zeitig an Musik herangeführt wurde, obwohl man zwischendurch auch mal dachte: „Oh nee, ich will doch lieber Kart fahren gehen mit meinen Freunden zum Beispiel.“

Wie war es bei dir?

Ben: Ähm, bei mir war es eigentlich genau umgekehrt. Ich hatte ja schon immer ein Faible für Musik, also ich habe immer voll viel gehört, mitgesungen und auch sehr viel getanzt damals schon, Breakdance und Michael Jackson, und auch sehr akribisch immer das Video zurück gespult. Aber es war eher so, wie man als Kind halt so drauf ist. Genau in der Zeit, wo er lieber Fußball spielen wollte, ging‘s bei mir los und ich sagte: „Ey, lass mal 'ne Band machen. Na gut, der spielt Schlagzeug, der spielt Gitarre, dann spiel ich halt Bass, is auch egal.“ So haben wir angefangen, mit Kumpels im Übungsraum. Es war laut und geil und fett. Wir haben anfangs eigentlich immer nur Songs nachgespielt. Ich war ganz lang in so einer Kellerband. Wir haben auch überhaupt nicht viele Auftritte gehabt, sondern wir wollten uns einfach treffen und Musik machen. Das ging dann so drei-vier Jahre und recht kontinuierlich. Wir haben uns dreimal die Woche getroffen, was halt so für verpeilte Jugendliche schon was heißt. Einfach weil‘s geil war. Es war auch nie so ein Druck dahinter, sondern hatte immer diesen Spaßfaktor. Das war halt einfach unser Hobby. Irgendwann hab ich mich dann dafür entschieden zu singen, weil ich ja auch schon immer geschrieben hab, und das war dann irgendwie die logische Zusammenkunft von „Ich schreib die ganze Zeit irgendwie irgendwas auf und mach die ganze Zeit Musik, also kann ich ja mal ein Lied schreiben“. Und diese Lieder fanden dann ein paar Kumpels von mir cool, und so bin ich dann irgendwie vor dem Mikrofon gelandet. Und dann hab ich irgendwann angefangen mit Straßenmusik und gemerkt: „Ach so, da kann man ja Geld verdienen. Ach, is ja geil, dann lass doch mal Geld verdienen“. Dann sind wir eben erstmal rumgezogen und haben halt Geld verdient, und es war geil. Jetzt nicht viel, aber für damalige Verhältnisse war es der bestbezahlteste Job, den man kriegen konnte, und alles andere war dann so: „Ja, aber da verdien ich ja nur die Hälfte und arbeite doppelt so lange. Nee, dann mach ich lieber Straßenmusik“. Und so sind wir, so bin ich dabei geblieben. Dann hab ich gedacht: „Okay, wenn du Geld verdienen willst, dann brauchst du halt mehr Repertoire“, und dann wurde es immer komplexer. Da hab ich eigentlich wirklich erst angefangen, Musik auch mit einer Ernsthaftigkeit zu betreiben. Vorher war‘s immer Spaß. Aber schon auch sehr strebermäßig, würd ich sagen. Aber ich hatte halt nie einen Lehrer, sondern hab halt Rage Against the Maschine angemacht und jedes Lied mitgespielt, was ich konnte, und es wurde halt immer mehr. Und so bin ich dazu gekommen. Im Gegensatz zu Spange, der hat ja richtig Unterricht gehabt. Aber am Ende, Musik so als Beruf… Ich weiß nicht, ob man das von Anfang an so planen sollte. Weil, ich habe bei vielen Leuten, die heute Musik machen, das Gefühl, dass es geiler wäre, wenn sie als Hobby Musik machen würden. Es kann auch echt nach hinten losgehen, dann kommt viel Schrott raus, das kann man sich jeden Tag im Radio auch anhören. Also das ist ein kompliziertes Thema…

Spange: Es gibt ja in der Jugend heute viele, die mit der Musik anfangen mit dem Ziel, berühmt zu werden, die Popstar werden wollen. Was ist ein Popstar? Keine Ahnung. Die Motivation kann ich nicht nachvollziehen. Die ist auch nicht gesund, um einen nachhaltigen Weg zu machen. Man muss einfach machen und dabei Spaß haben, aber auch eine gewisse Leistungsbereitschaft mitbringen, wie bei allem letztlich. Es gibt ja auch Typen, die finden Matheformeln mega-geil. Fand ich früher auch mal, aber man muss es so geil finden, dass man tatsächlich auch Bock hat, das jahrelang zu machen und jahrelang besser werden zu wollen. Und dann ist es am Ende gar nicht so weit weg von jedem anderen Job, nur dass der Job viel geiler ist [lachen]. So von der Grundhaltung sollte man halt mit derselben Lockerheit daran gehen wie an einen Bäckerjob oder so. Man muss es einfach geil finden.

Wie war es denn nun bei euch: Ihr habt gesagt, ihr habt beide schon relativ früh angefangen, euch für Musik zu begeistern, aber irgendwann ist die Schule ja zu Ende und eure Eltern haben bestimmt gesagt: „Junge, lern doch was Ordentliches!“ War das ein harter Schritt oder hatten sie da gar nichts dagegen?

Spange: Also tatsächlich hat meine Mutti – die ja sowieso die Beste ist, das ist ja klar – die hat mich tatsächlich nach dem Abi bei drei deutschen Musikhochschulen angemeldet für ein Jazz-Klavier-Studium, und ich dachte so: „Och, weißt du, muss das jetzt sein…“ Dann hab ich auch noch die Aufnahmeprüfung bestanden, in der ersten Runde gleich, wo man Aufnahmeprüfung hat und vorspielen muss. Das ist ja so ein bisschen wie Poker oder für manche auch Lotto spielen… Und damit hat sie mir tatsächlich diesen finalen Push gegeben, und sie war auch eher diejenige, die mich da ein bisschen reingedrückt hat. Aber zu der Zeit hatte ich auch schon seit acht Jahren meine erste Band, insofern war dieser Weg ohnehin da. Und das ist das, was ich vorher meinte: Wenn der Weg da ist, wirkt es auch nicht so naiv, als wenn Leute auf einmal sagen: „Ich werd jetzt Musiker.“ Dann heißt es schon eher: „Ja, okay komm, dann mach mal was Richtiges. Studier mal BWL und so.“ Das wünschte ich mir im Nachhinein sogar auch, dass ich, bevor ich die erste Band gegründet hab, ein bisschen BWL-Wissen gehabt hätte. Aber es wurde auf jeden Fall bei mir immer vom Elternhaus getragen und eher unterstützt, weil sie einfach, seitdem ich sechs war, gesehen haben, wie der Weg ist und dass es einfach Sinn macht. Es ist auch gar nicht so eine naive Jobwahl, wie man oft denkt.

Hattest du das mit der Musikhochschule dann zu Ende gemacht?

Spange: Ja, ich bin jetzt auch immer noch… hatte ich schon Zehnjähriges? Nee, ich bin jetzt schon kurz vor dem Zehnjährigen und war jetzt schon sechs Jahre nicht mehr da, muss aber immer noch meine Diplomarbeit abgeben. Aber ich hab das durchgezogen.

Ben: Das hat aber ansonsten keiner von den Ohrbooten. Also es hat keiner einen Abschluss, keiner hat ne Ausbildung, das ist alles learning by doing und irgendwann auch Unterricht. Aber ich meine Onkel, unser Schlagzeuger, der kann Klavier spielen, der kann Gitarre spielen, der kann singen, der hat die letzte Platte hauptsächlich mitproduziert, also der kann sehr viel, aber er hat‘s halt nie irgendwo studiert. Ich denke sowieso, dass der Begriff Studium für viele irgendwie an Hochschulen stattfindet. Man kann sehr viel auch für sich studieren. Das sollte man auf jeden Fall separieren, das Wort von den Schulen, weil: Studieren kann auch heißen, du kaufst dir die Sachen, die Bücher, und machst es halt einfach mit dem Internet heutzutage, das gab‘s ja damals alles gar nicht… Naja, als ich so 14-15 war, da war Internet noch... hm, gab‘s wahrscheinlich, aber war auf jeden Fall noch nicht so ein Thema wie heute. Heute kannst du dir alle Tutorials anschauen, du kannst Fernstudium machen und diese ganzen Sachen. Da kommt‘s halt auch immer drauf an, wie die Eltern drauf sind. Ich denke, wir hatten alle sehr viel Glück mit unseren Eltern, wobei meine mum schon auch irgendwann sagt: „Ja, willst du nicht noch das oder das machen…“ Aber da hab ich ja schon Geld verdient mit Musik, und das war dann auch okay für sie. Also ich denke, was das Hauptproblem ist in Deutschland mit Musik oder überhaupt mit Kunst, was in ganz vielen Ländern echt nicht so ist, zum Beispiel in England oder in Amerika: Wenn du da sagst, du machst Musik, dann ist es so als würdest du sagen, du arbeitest in einer Bäckerei. Es ist halt ein Job, und die ganze Welt braucht Musiker auf den ganzen Partys und so. Man muss nicht gleich sonstwer sein. Wie gesagt, nicht gleich ein Popstar, sondern es kann ein ganz normales Handwerk sein, und du verdienst einen ganz okayen Lohn. Klar, du machst jetzt vielleicht nicht immer das, worauf du Lust hast, spielst nicht immer die Lieder, die du geil findest, aber du machst Musik und das ist ein Handwerk. Und das wird ganz oft nicht anerkannt in Deutschland. Also es war ganz lange sogar so und hat seit Ohrbooten aufgehört: „Was machst du denn?“ – „Musik.“ – „Ja, aber was machst du wirklich?“ – „Na, Musik.“ – „Hä, aber kannste davon leben? Wie machst du das denn?“ – „Ich mach Straßenmusik.“ – „Was?“ Und dann Funkstille. Das konnte keiner nachvollziehen. Und jetzt ist es so, dass die Leute sagen: „Ey, jetzt hast du‘s ja geschafft mit Ohrbooten.“ Dabei mach ich die ganze Zeit nur Musik, ich mach das Gleiche wie vorher, nur der Status hat sich für die Leute verändert. Und das finde ich sehr schade.

Ihr habt jetzt im Mai erst wieder was Neues rausgebracht…

Ben: Genau.

Auch unter einem neuen Label. Hat sich da was verändert zu früher oder sagt ihr, ihr seid eigentlich immer noch die Gleichen, das hat überhaupt gar keinen Einfluss auf die Musik, auf die Band?

Ben: Also was echt anders ist, ist, dass einer ausgestiegen ist und Spange jetzt dabei ist. Es fühlt sich alles gut an. Wir haben jetzt noch nicht Blutsbrüderschaft gemacht, aber das kommt dann Ende des Jahres. [lacht] Nee, also es fühlt sich alles gut an, und er gibt uns voll den Kick. Und ich glaube, ihm gibt’s auch nen Kick. Ich denke, wir machen erstmal weiter…

Wie habt ihr euch denn kennengelernt. Wie bist du dann dazu gekommen?

Spange: Tatsächlich kannte ich Ohrbooten auch schon seit Gründung quasi, weil ich mit dem Schlagzeuger Onkel dieselbe Schule besucht hab. Er ist also ein alter Schulfreund von mir. Wir haben schon früher, und das ist jetzt nämlich lustig – oder was heißt lustig, ich weiß nicht ob es lustig ist, aber ich erzähl‘s trotzdem – [Ben lacht] Nee, das war zu früh.

Ben: Achso…

Spange: Er war tatsächlich für mich ein Mentor quasi. [lacht] Oder Erziehungsbeauftragter oder so Sicherheitsperson in der Schule, die auf uns aufpassen musste in meiner allerersten Band. Als ich mit zwölf meine erste Band gegründet hab, brauchten wir einen volljährigen Aufpasser, damit wir in diesen Proberaum durften, und er kam halt neu auf die Schule und konnte sich in keins der richtigen Ensembles einreihen – da gab‘s ja einen Chor und ein Orchester und so. Die Schulleiterin hat dann gesagt: „Hier, ihr braucht einen Aufpasser und er braucht irgendwie einen Job. Pass mal auf die kleinen Kids auf.“ Er war anfangs nicht begeistert und wir auch skeptisch… Dann haben wir uns aber getroffen und gleich zusammen Musik gemacht – und das war einfach eine total geile Basis. Daher kennen wir uns. Ich hätte auch nicht gedacht, dass er mich dann 14 Jahre später anruft, aber wir haben uns durch diverse andere Bands, mit denen ich zwischenzeitlich gespielt hab, meine Brötchen verdient und auch auf Festivals gespielt hab, wieder getroffen. Und nach dieser Umstrukturierung innerhalb des Bootes wurde dann dieser Job frei, er hat sich an mich erinnert und mich einfach angerufen, wie man das halt heutzutage macht. Und diesen Anruf habe ich entgegengenommen und „Ja“ gesagt. [lacht] Dann hab ich die anderen beiden kennengelernt. Die sind natürlich auch geile Typen. Das kommt ja bei so einer Band auch dazu, dass nicht nur einer irgendwie im Mittelpunkt steht, sondern dass es so bandmäßig und alles cool und so familymäßig ist… Das ist einfach großes Glück, aber wir denken, auch ein bisschen Schicksal. Es fühlt sich einfach richtig an.

Um nochmal aufs Greenville zu kommen: Ihr wart ja jetzt auch schon auf anderen Festivals, Rock am Ring, beim Hurrican... Sagt ihr, das Greenville ist mal was anderes, gerade weil es ja auch um die grüne Landschaft und den ökologischen Gedanken dahinter geht? Findet ihr das cool? Oder hattet ihr nur zufällig gerade frei?

Ben: Nee, also ich hab mich noch gar nicht so umgeguckt, weil wir, seit wir gespielt haben, Interviews geben…

Wir sind auch gleich fertig...

Ben: [lacht] Aber es fühlt sich ganz entspannt an, und ich finde nach dem, was ich bis jetzt gesehen habe, ist es auf jeden Fall entspannt, das ist schon mal geil. Bei anderen Festivals ist es irgendwie mehr Stress, aber vielleicht ist es hier hinten im Backstage nur alles so entspannt und da vorne ist es stressig…

Och, eigentlich ist es vorne auch cool…

Spange: Also bei unserem Konzert war jedenfalls sehr angenehme Stimmung.

Also seid ihr jetzt nicht hier auf dem Greenville, weil ihr euch total engagiert und ein Zeichen setzen wollt? Ich hab nämlich gelesen, dass ihr euch auch an Projekten wie „Schule ohne Rassismus“ beteiligt. Wie wichtig sind euch solche Projekte?

Ben: Also es ist so, als so halb bekannte Menschen: Die Schulen fragen uns ja, und wir haben auch schon ein paar Schulen abgesagt, weil man kann ja auch nicht alles machen. Also wenn wir alle wohltätigen Anfragen annehmen würden, dann würden wir irgendwie nix anderes mehr machen und könnten dann nicht mehr davon leben sozusagen. Also man muss immer so ein bisschen gucken obs passt, aber wir machen eigentlich im Jahr immer ein-zwei Aktionen. Und die Schulen – die eine ist die Schule von Matze, der Gitarrist – da war es dann irgendwie klar, dass wir das machen. Und bei der zweiten Schule dachten wir okay, machen wir die auch noch, und jetzt hat uns noch ne dritte gefragt und wir dachten so okay, wenn wir jetzt noch eine dritte machen heißt es ja, machen wir mit allen. Also man  muss ja auch mal dahin gehen zwischendurch, sonst ist es ja auch sinnlos, wenn du es einfach nur annimmst. Es geht schon oft irgendwie um Rassismus bei Sachen, wo wir mitmachen, was man in Berlin immer gar nicht so mitkriegt, wobei Rassismus ja auch eine Sache ist, die viel früher anfängt als Ausländer sind Scheiße, sondern bei ganz vielen Kleinigkeiten, die merkt man auch an sich selber. Das ist ein sehr interessantes Thema so. Aber es gibt natürlich auch Bezirke, wo du merkst: Okay, hier gibt es wirklich auch Gewalt. Und das ist natürlich Scheiße. Und da ist natürlich wichtig, dass man grad… man merkt das dann, wenn man in solche Gegenden kommt, dass da jüngere Leute, die noch auf der Suche sind… da setzt man dann einfach den richtigen Impuls. Und dann hat man schon was getan.

Apropos auf der Suche: Was würdet ihr jungen Leuten raten, die jetzt gerade kurz vor dem Schulabschluss stehen, noch keinen Plan haben, was sie machen sollen, sich fragen, was sie danach machen sollen: Mach ich eine Ausbildung, mach ich ein Studium, was soll ich mit meinem Leben anfangen? Was würdet ihr denen mit auf den Weg geben wollen?

Ben: Fahrt ein Jahr ins Ausland.  Und macht euch nochmal total frei von allem. Es gibt total viele Optionen, also vielleicht kurz jobben, um das Geld für einen Flug zusammen zu bekommen... Man kann zum Beispiel ganz viel Work and Travel machen, zum Beispiel auf einer Farm arbeiten für Schlafen und Essen. Das heißt WWooFing: world-wide opportunities on organic farms. Ich hab das gemacht, und eigentlich auch zu einer ähnlichen Zeit. Danach hab ich mich wieder für die Musik entschieden, also vor meinem Zivi und nach meiner Schule. Meistens merkst du dann auf Reisen: okay, das will ich machen. Oder auch einfach mal ein halbes Jahr nicht drüber nachdenken und einfach nur Zäune streichen und ein bisschen Unkraut rupfen und sagen: Oah, krass, wie siehts denn hier aus in Afrika, Australien oder was weiß ich, Spanien oder Mexiko oder Japan. Nochmal eine andere Sprache lernen, einfach kurz mal raus. Bei mir war es so: Als ich wiedergekommen bin, war ganz klar, wo ich hin wollte. Wäre ich der Chef der Welt, wäre das auf jeden Fall Pflichtprogramm. Am geilsten eigentlich mit 16 oder so. Bei mir gab es irgendwann eine Zeit, da hatte ich gar keinen Bock mehr auf Schule und so.

Spange: Ja, macht ja auch Sinn. Weil, wenn viele in der zehnten oder elften ein Auslandsjahr machen – hab ich nicht gemacht, weil ich eine Band nicht versauen wollte - … Aber es ist auf jeden Fall wichtig: Augen und Ohren richtig aufmachen. Und vor allem nicht sich zurückziehen, nur weil man 16 oder 17 Jahre lang nur in einer Stadt oder in einem Dorf gelebt hat, an einem Ort war, wo man sich natürlich mit seiner Familie wohl fühlt und mit seinen Freunden. Da ist eine gewachsene Sicherheit, die fühlt sich erstmal gut an, kann ich auch gut nachvollziehen, dass da viele bleiben wollen, aber einfach den Sprung über den Tellerrand zu wagen, ich glaub ,das hat noch niemandem geschadet.

Ben: Und vor allem dieses irgendwo Hinfahren, du kennst keinen, du musst offen sein, kriegst einfach ganz viele neue Impulse und siehst… Ich hab einfach total viele neue Lebenskonzepte kennengelernt dadurch. Und weil du da nicht Tourist bist, sondern irgendwo mithilfst, kommst du auch mit Menschen in Kontakt, die du sonst vielleicht so nie kennenlernen würdest… Also ich hab unfassbar viel gelernt in der Zeit. Und jetzt gibt es nicht mal mehr Zivi. Zivi war nochmal so ein Puffer irgendwie… also ich glaub, der ganze Leistungsdruck: Die Schule fängt jetzt ein Jahr früher an, das Abi ist ein Jahr früher fertig, dann stehst du da irgendwie mit 16/17… 16/17 dachte ich nur an Mädchen, Mädchen, Kiffen, Saufen, Musik und frag mich nicht über meine Zukunft, lass mich mal in Ruhe, ich will feiern. Das kam alles irgendwie viel, viel später. Und diese Frage find ich auch völlig unberechtigt in dem Alter. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass in der Zeit das Gehirn völlig durchdreht, die Hormone völlig durchdrehen, und das Letzte, was sie wissen können, ist, was sie wollen. Also lasst euch nicht verrückt machen, cool bleiben, wegfahren, weiterreiten [lachen].

Noch was?

Ben: Fußball spielen ist noch geil.

Spange: Ja, Fussball spielen… [beide lachen]

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Beitragsbild © Sven Hagolani