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Sie gehen in die Luft, um Leben zu retten

Reportagen

Bei den Senftenberger Rettungsfliegern jagt ein Einsatz den nächsten. Es ist ruhig in Senftenberg, als die Rettungsengel von Christoph 33 ihren Dienst beginnen. Sie fliegen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Ihr Einsatztag beginnt um 6 Uhr. Von da an ist der gelbe Hubschrauber immer wieder zu sehen. Er landet auf Feldern, Straßen und in Hinterhöfen – immer mit dem Ziel, Leben zu retten.

Noch steht der Hubschrauber starr am Boden, als die Rettungsflieger ihre Basis in der Ackerstraße betreten. Wenige Minuten später beginnt der Dienst. Pilot Andreas Parketny läuft zum Hubschrauber. Unterwegs erklärt er, warum: "Bevor wir uns bei der Rettungsleitstelle anmelden, kontrollieren wir die Maschine, damit wir im Einsatzfall auch wirklich starten können." Während sich der Pilot um die Maschine kümmert, untersucht Luftrettungsassistent Olaf Eisner* das medizinische Material. Danach läuft er zurück zum Stationsgebäude und meldet Christoph 33 bei der Leitstelle Lausitz in Cottbus einsatzbereit. Schon fünf Minuten später beginnt der Einsatzalltag. Der Pieper der Rettungsengel läutet. Es geht nach Vetschau. Jetzt muss jeder Handgriff sitzen. Olaf Eisner schnappt seine Jacke, zieht die Einsatzstiefel an und läuft zur Maschine. Pilot Andreas Parketny ist schon dort und bereitet den Start vor. Oberarzt Reinhart Kunze ist an diesem Tag der Notarzt. Wenn er nicht in der Luft unterwegs ist, dann arbeitet er als Anästhesist und Leiter der interdisziplinären Intensivstation im Klinikum Niederlausitz. Er steigt als letzter zu. 45 Sekunden später schwebt Christoph 33 in der Luft. Schon von weitem ist die Maschine des Typs EC 135 zu hören. Pilot Andreas Parketny landet in einem Hinterhof.

Der erste Einsatz des Tages

Notarzt und Rettungsassistent laufen die letzten Meter zum Haus zu Fuß. Der Patient klagt über Brustschmerzen. Durch seine langjährige Erfahrung weiß der Arzt, was zu tun ist. In Windeseile zieht Eisner Spritzen mit drei Medikamenten auf und Kunze verabreicht sie. Trotz leichter Besserung während der Behandlung entscheidet der Notarzt: "Wir bringen sie vorsichtshalber ins Krankenhaus". Ein Flug wäre zu belastend für den wachen, unruhigen Patienten, deshalb wird er mit dem Rettungswagen ins Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum gebracht. Andreas Parketny fliegt den Hubschrauber allein dorthin, um Reinhart Kunze und Olaf Eisner später wieder an Bord zu nehmen. Der Flug dauert nur knapp fünf Minuten, denn bei einer Geschwindigkeit von mehr als 200 Kilometern pro Stunde ist selbst die Entfernung Vetschau-Cottbus ein Katzensprung.

Wieder an der Basis angekommen, kehrt für ein paar Minuten Ruhe ein. Olaf Eisner und Reinhart Kunze geben den Einsatz in den Computer ein, Pilot Andreas Parketny studiert die Wetterdaten. Das Wetter ist nicht ideal. "Mal sehen, wie lange wir noch fliegen können", sagt er. Wenig später treffen sich die drei in der Küche. "Jetzt wird erst einmal gefrühstückt", sagt Eisner.

Nur eine Mahlzeit am Tag

Manchmal gibt es nur eine Mahlzeit am Tag. Das muss bis zum Abendbrot reichen – je nachdem, wie das Einsatzaufkommen ist. Doch auch das Frühstück können die Rettungsengel nicht in Ruhe genießen, denn schon um 9.12 Uhr geht es wieder los. Diesmal nach Ortrand. Unterwegs hat der Pilot mit dem Wetter zu kämpfen. Die Wolken hängen tief. Die nebelartigen Wolkenschwaden verhindern weitschweifende Blicke. Er orientiert sich an der Autobahn A 13. "Da habe ich einen festen Referenzpunkt", erklärt er. In Ortrand wird Christoph 33 schon erwartet. Ein Arbeiter hat einen epileptischen Anfall erlitten. Doch als die Retter ankommen, sitzt er schon auf einem Stuhl. "Es geht mir gut. Das war nur der Stress", sagt er. An den Ablauf kann sich der Arbeiter nicht erinnern. Zur Sicherheit lässt Oberarzt Kunze einen Rettungswagen hinzurufen. Der transportiert den Patienten ins Krankenhaus, "denn etwaige Schädelverletzungen lassen sich vor Ort nicht ausschließen."

Ohne Pause geht es weiter

Noch während Christoph 33 auf dem Hof steht, erklingt das Piepen wieder. Ein Rettungswagen hat in Ortrand einen Patienten an Bord genommen. Ein Arzt muss dringend Medikamente verabreichen. Der Einsatzwagen kommt ins Eisenwerk gefahren. Ein anderer Notarzt bräuchte zu lange zum Einsatzort. Der Patient ist unterkühlt und hat offensichtlich einen Kreislaufkollaps erlitten. Nachdem er seine Untersuchungen abgeschlossen hat, entscheidet Oberarzt Kunze, dass es nicht notwendig ist, selbst mit in die Klinik zu fahren. Die beiden Rettungswagen machen sich allein auf den Weg ins nächst gelegene Krankenhaus.

Und noch immer kehrt am Luftrettungszentrum in der Senftenberger Ackerstraße keine Ruhe ein. Um 10.41 Uhr ist auf dem Pieper zu lesen: "Hohenbocka, neurologischer Notfall, Schlaganfall". Pilot Andreas Parketny weiß, dass jede Sekunde zählt. Nach ein paar Minuten Flug landet er auf einem Feldrand. Kunze und Eisner laufen zu Fuß zum Notfallort. Schon nach wenigen Handgriffen ist klar: Der Mann muss ins Krankenhaus. Doch der Verdacht auf einen Schlaganfall bestätigt sich nicht. "Wenn, dann war es nur ein leichter, der momentan ohne Folgen geschweigedenn lebensbedrohlich ablief", erklärt Reinhart Kunze zurück an der Hubschrauberstation. Gegen Mittag bekommen die Rettungsflieger Zeit abzuschalten. So eine Menge Einsätze nacheinander schlauchen.

Auch am Boden zu tun

Oberarzt Kunze zieht sich in sein Zimmer zurück. Dort studiert er aktuelle Artikel einiger Fachzeitschriften, schreibt ein paar Einsatzprotokolle und diktiert Briefe. Rettungsassistent Olaf Eisner füllt die Rucksäcke auf und versucht zu entspannen. Andreas Parketny betankt den Hubschrauber. Gerade im richtigen Augenblick, denn der Pieper ruft zum fünften Einsatz des Tages. In Bronkow ist eine Herz- und Diabetespatientin nur bedingt ansprechbar. Am Haus wartet eine Angehörige bereits auf die Lebensretter.

Mit dem Tod konfrontiert

Oberarzt Kunze legt der Patientin eine Kanüle in den Arm. Darüber gibt er ihr Flüssigkeit und ein Medikament. Es geht ihr zusehends besser. Für den Tag noch einmal gerettet, doch in einem behutsamen Ton versucht er der Angehörigen klar zu machen: "Irgendwann können auch wir nicht mehr helfen. Sie müssen sich mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass das Leben irgendwann ein Ende hat. Selbst die moderne Medizin kennt Grenzen." Die Frau versteht ihn. Schon zu oft musste sie den Rettungsdienst zu ihrer 86-jährigen, schwerkranken und pflegebedürftigen Schwiegermutter rufen.

Solche Mitteilungen gehören zur Schattenseite des Berufes. "Doch lügen bringt nichts." Während Olaf Eisner und Reinhart Kunze ihre Einsatzberichte schreiben, studiert der Pilot erneut die Wetterdaten.

Auch Engel können abstürzen

"Auf dem Weg nach Bronkow wurde die Sicht immer schlechter. Das ist kein gutes Zeichen", bewertet er. Als der Pieper das letzte Mal läutet, entscheidet der Pilot: "Wir fliegen nicht. Die Sicht ist schlecht und bald wird es ganz dunkel. Das Risiko ist zu hoch." Denn auch Engel können abstürzen. Parketny ruft bei der Leitstelle an und erklärt die Lage. Ein anderer Notarzt übernimmt den Einsatz. Einer, der auf der Straße fährt und nicht in der Luft unterwegs ist. "Morgen früh sind wir wieder einsatzbereit", weiß Parketny.

* Name durch die Redaktion geändert

Benjamin Seidemann