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Jeder gibt soviel er kann

Reportagen

Die Idee der Tafelprojekte gegen Hunger und Einsamkeit. Jeden Tag sind sie unterwegs, die großen Kühltransporter in Orange-Weiß. Ihr Ziel: Supermärkte, Bäckereien, Großhändler. Sie sammeln Spenden. Brötchen von gestern, Obst und Gemüse, das nicht mehr hübsch genug für den Supermarkt ist.

Allein in Cottbus sind es etwa 30 Sponsoren, die das Tafelprojekt in der Lutherstraße mit Lebensmitteln versorgen. Manche von ihnen täglich, andere bis zu zweimal in der Woche. Aber es gibt auch spontane Spenden. Per Telefon erfahren die Mitarbeiter der Tafel von abholbereiter Ware. Da melden sich auch schon mal Kleingärtner, die den ein oder anderen Korb Obst oder Gemüse abzugeben haben. So bleibt das Angebot der Tafeln abwechslungsreich und attraktiv. Die Kraftfahrer der Tafeln legen auf ihren Touren mehrere hundert Kilometer am Tag zurück, denn es ist wichtig, dass die Waren möglichst gleichmäßig auf die Ausgabestellen der Region verteilt werden. „Denn es soll ja keine Unterschiede geben, sondern überall ein vergleichbares Angebot herrschen", erklärt Brigitte Huth vom Albert-Schweizer-Familienwerk Brandenburg e.V. Sie ist für die Tafelprojekte in Spremberg, Luckau, Welzow und Cottbus zuständig. Die Fahrer der jeweiligen Tafeln steuern also auch andere Ausgabestellen an, um Waren, die in großen Mengen gespendet wurden, zu verteilen oder abzuholen.

Doch damit ist die Arbeit noch längst nicht getan. Denn mit der Lieferung der Waren beginnt am frühen Morgen die Arbeit in den Ausgabestellen. In Cottbus sorgen 10 Mitarbeiter dafür, dass die Waren gesichtet, sortiert und ausgelegt werden. Sie stellen Grundversorgungs-Körbe zusammen, aus denen später jeder Bedürftige soviel mitnehmen kann wie er braucht. Als bedürftig gelten zum Beispiel Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger, Rentner und Obdachlose. Sie zeigen an der Tür ihren Berechtigungsnachweis vor, auf dem auch steht, für wie viele weitere bedürftige Familienmitglieder sie Lebensmittel mitnehmen dürfen. Im Raum Cottbus haben bisher über 5000 Menschen einen solchen Ausweis ausgestellt bekommen. Etwas mehr als ein Drittel davon sind Kinder.

Dementsprechend groß ist der tägliche Andrang. Wenn die Tafeln morgens um 10 Uhr öffnen, wartet fast immer eine Menschenschlange mit Beuteln und Körben darauf, eingelassen zu werden. Um die Privatsphäre des Anderen nicht zu verletzen, kommen die Leute einzeln herein, nehmen sich was sie brauchen und gehen wieder. Mancher Tafelbesucher ist dabei eher schüchtern und hat es ziemlich eilig, andere hingegen nutzen die Gelegenheit für einen kurzen Plausch mit den Mitarbeitern. Man kennt sich. Die Sorgen der Menschen sind für die Tafelmitarbeiter nicht fremd. Die meisten von ihnen sind selbst Hartz IV-Empfänger gewesen und haben die Stelle als Maßnahme über die Arbeitsagentur vermittelt bekommen. Ein Jahr lang arbeiten sie dann hier, aber viele von Ihnen bleiben den Tafeln auch noch lange danach als ehrenamtliche Mitarbeiter erhalten. Das ist von Vorteil, denn als eingearbeitete Helfer kennen sie die nötigen Gesetze und Vorschriften bereits. An zusätzlichen Bewerbungen von potentiellen Ehrenamtlichen mangelt es den Tafeln ebenfalls nicht, doch die Arbeit mit Ihnen ist nicht immer ganz unproblematisch. Nur wer seine Aufgaben ernst nimmt und absolut zuverlässig ist, ist auch eine echte Bereicherung für das Team. Schließlich ist der Umgang mit Lebensmitteln und den teuren Kühlfahrzeugen eine verantwortungsvolle Aufgabe. Für die Arbeit in der Küche brauchen die Mitarbeiter außerdem einen Gesundheitsausweis, um bei der Zubereitung der warmen Mittagsmahlzeit zu helfen. Was auf den Tisch kommt, kann selten von langer Hand geplant werden. Die gespendeten Lebensmittel bestimmen die Speisekarte. Da ist viel Kreativität und Spontanität von den Köchen gefragt, weil Menge und Haltbarkeit der Waren oft keinen großen Spielraum lassen.

Neben dem Verteilen von Lebensmitteln und der täglichen warmen Mahlzeit hat sich die Tafel in Spremberg noch etwas Besonderes einfallen lassen. Sie bietet kreative Nachmittagsveranstaltungen an, die längst zur Tradition geworden sind. Jeden Donnerstag wird dann in gemütlicher Runde gebastelt und Kaffee getrunken. Ideen wie diese, sollen die Menschen aus der Isolation holen, in die sie durch die Armut oft geraten. „So werden auch Berührungsängste überwunden, die gerade bei den ersten Besuchen der Tafel oft noch herrschen", weiß Frau Huth. Dazu tragen auch die regelmäßigen Trödelmärkte bei. Und es sind weitere Projekte in Planung. „Zukünftig wird es einen Kochkurs für Erwachsene und Kinder geben", erzählt sie. Gekocht werden soll in den vielen Einrichtungen des Albert Schweizer Familienwerkes. Neben den Tafelprojekten betreibt es zum Beispiel den Offenen Jugendtreff in Spremberg „In den jeweiligen Küchen wollen wir Rezepte für preisgünstige Gerichte entwickeln und ausprobieren." Ganz nebenbei lernen die Kids außerdem Tischmanieren, so der Plan.

Natürlich sind gerade solche Projekte nur möglich, wenn genügend Spenden zur Verfügung stehen. Neben den reinen Lebensmittelspenden sind die Tafeln auch auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Diese Unterstützung fällt deutschlandweit sehr unterschiedlich aus. „Manche Tafeln haben starke Sponsoren an ihrer Seite und müssen weder Miet- noch Spritkosten zahlen. Hier in der Region ist das jedoch nicht vorstellbar. Sponsoren finden sich immer schwieriger, da die Unternehmen oft selbst ums Überleben kämpfen müssen", sagt Frau Huth. Doch die Mitarbeiter sind zuversichtlich, dass Die Tafeln auch weiterhin erfolgreich ihren Beitrag gegen den Hunger und für den sozialen Frieden leisten können.