Navigation öffnen

Im Deutschen sagt man einfach: „Aua! Scheiße“ – Marcel Brell im Interview

Musik

PLANBAR sprach mit dem Sänger Marcel Brell über seine Anfänge, seine Musik und woher er eigentlich Alexander Knappe kennt.

Marcel Brell wollte unbedingt Popstar werden...

Du wurdest ja in eine Musiker-Familie hineingeboren, gab es denn jemals den Wunsch, etwas zu machen, was nicht mit Musik zu tun hat, oder ist dir das schon in die Wiege gelegt worden?

Beides;  es ist mir in die Wiege gelegt worden und es gab natürlich auch den Wunsch, etwas anderes zu machen, aber wenn du in eine Struktur hinein wäschst, in der alle Musiker sind (meine Mutter ist Tänzerin), dann wird sozusagen gar nicht in Frage gestellt, was du machst. Es gibt aber ganz viele Sachen, die mich interessieren. Zum Beispiel  Fotografie, Architektur oder Kunstgeschichte. Es gab immer wieder Situationen, wo ich mich gefragt habe, warum ich nicht drei Leben habe, aber das geht nun mal leider nicht. Aber die Musik ist meine größte Liebe.

 

Es hat ja bei dir mit Umweltliedern angefangen. So ein bisschen sozialkritisch. Aber das hat leider nicht zum Erfolg geführt. Du hast das selbst schon formuliert: „Mit selbst geschneiderten Kostümen und einer Nebelmaschine“ standest du auf der Bühne. Gab es irgendwann einen Zeitpunkt, an dem du deine Entscheidung, auf der Bühne zu stehen, bereut hast?

Ja natürlich, das war damals ein ganz großer Rückschlag. Ich wollte unbedingt Popstar werden und habe allesmögliche versucht: dann habe ich jemanden kennen gelernt, der eine Nebelmaschine und eine Lichtanlange hatte und dachte: „Das ist jetzt der Durchbruch!“. Aber nachdem ich 50 Konzerte gespielt hatte und niemand mich aufgefordert hat, ein zweites Mal zu kommen, ist mir klar geworden, dass das relativ schlimm gewesen sein musst, was ich da gemacht habe.  Da war ich ganz schön entmutigt und habe im Grunde genommen aufgehört, Musik zu machen. Also habe ich mir einen Studiobetrieb aufgebaut und als Produzent gearbeitet.

 

Im Deutschen sagt man einfach: „Aua! Scheiße“

Hast du zu dieser Zeit schon auf Deutsch gesungen, oder waren es damals nur englische Texte?

Zu dieser Zeit waren es nur englische Texte.

 

Jetzt singst du ja auf Deutsch. Ist es einfacher, deine Gefühle auszudrücken, erreichst du deine Zielgruppe damit besser oder bist du einfach auf den Zug aufgesprungen, dass deutsche Musik total im Kommen ist?

(Ich bin eigentlich einfach auf den Zug aufgesprungen. Es ist mir eigentlich völlig egal, was ich mache, also wenn chinesischer Tango angesagt wäre, dann würde ich mir auch chinesischen Tango angewöhnen.) Die Wahrheit ist aber: ich kann mich da einfach am besten ausdrücken. Ich vergleiche das gerne mit dem versehentlichen Fassen auf eine Herdplatte,  das kann man das im Englischen eigentlich nur mit „I feel pain“ ausdrücken. Im Deutschen sagt man einfach: „Aua! Scheiße“.  In solchen Momenten redet der Bauch und nicht der Kopf. Genauso ist es bei mir mit  dem texten,  ich muss die Sachen spüren, es reicht mir nicht, wenn ich nur glaube, dass sie korrekt getextet sind. Das muss eine Etage tiefer stattfinden und das geht nur in meiner Muttersprache.

Ich dachte mir: „Na mal schauen, ich fahr da einfach mal rüber“

Du kennst Cottbus ja schon durch deinen Gastauftritt bei einem Konzert von Alexander Knappe im Staatstheater. Welchen Eindruck hast du von Cottbus bekommen? Und welchen Eindruck hast du vom Publikum hier in Cottbus bekommen?

Mein Vater ist Opernsänger und steht mit 79 Jahren immer noch in Mannheim auf der Bühne. Ich hab also eigentlich alle deutschen Opernhäuser von Innen und Außen kennengelernt, dementsprechend habe ich nicht so viel vom Theater in Cottbus erwartet. Ich dachte mir: „Na mal schauen, ich fahr da einfach mal rüber“. Als ich das Theater gesehen hab, war ich völlig geplättet. Schlicht und ergreifend von der Architektur des Hauses. Das fängt schon Außen an mit dieser burgartigen Architektur und hört im Inneren nicht auf. Es ist ein romantisches, mittelgroßes Theater par excellence. Die Bestuhlung und die vergoldeten Balkone sind wirklich außergewöhnlich (Anmerkung der Redaktion: Das Cottbuser Theater ist das einzige Jugendstil-Theater in ganz Europa). Es ist nicht nur okay, sondern herausragend schön!  Ich habe, wie vorhin schon gesagt, schon viele Theater in meinem Leben gesehen. Was das Publikum betrifft hab ich natürlich auch davon profitiert, dass Alex und ich alte Kumpels sind. Er hat mich bei dem Konzert angekündigt wie einen König. Und als ich dann auf die Bühne kam,  war die Stimmung einfach schon am Kochen, obwohl ich nicht mal einen Ton gesungen hatte. Glücklicherweise ist die Stimmung, nachdem ich dann gesungen hatte, wirklich übergeschwappt.

 

 

Woher kennst du Alex denn eigentlich?

Wir kennen uns schon ganz lange. Ich habe ja mal als Produzent gearbeitet und ich hab Alex produziert, als er angefangen hat Musik zu machen.  Ein gemeinsamer Freund hatte ihn damals bei mir angeschleppt  und meinte: „ich hab hier nen Sänger, wollen wir mit dem mal was probieren?“. Und dann haben wir alle möglichen Lieder geschrieben und produziert und ich hatte auch ein paar Auftritte mit ihm zusammen.  Dann haben wir aber ein Projekt gemacht, bei dem wir uns total verstritten hatten. Dann hatten wir 2, 3 Jahre keinen Kontakt. Dann hat er gemerkt, dass ich mein eigenes Ding anfange zu machen, mit meiner Musik (Mein erstes Album kam letztes Jahr heraus). Und ich hab gesehen, dass er endlich anfängt das zu machen, was wirklich zu ihm passt, dass er einen tollen Produzenten gefunden hat, der ihn voran bringt. Und das hat uns beide befriedet und dann folgte die Einladung nach Cottbus  und das war das schöne Ende eines Märchens.  Nach den Jahren, in denen wir keinen Kontakt hatten, war das eine ganz tolle reunion. Und das musikalisch auszudrücken war für uns beide ein großes Glück.

 

Man muss sich bewegen und viele Sachen ausprobieren

Du bist ja vor ein paar Jahren nach Berlin gezogen.  Hat dich der Umzug in diese Stadt verändert, nicht nur musikalisch, sondern auch persönlich?

Bestimmt. Aber ich weiß nicht, wie viel das mit Berlin zu tun hat. Jede Stadt, jeder Ort, an dem du bist, verändert dich. Sowas ist ja wie eine Folie, die in beide Seiten durchlässig ist. Das, was aus dir raus kommt, beeinflusst deine Umgebung und die Umgebung beeinflusst dich. Berlin war die konsequente Entscheidung, weil ich unbedingt reich und berühmt werden wollte. Damals war das eine ganz naive Vorstellung von mir, deswegen sage ich das so plakativ. Es gibt ja dieses Klischee: „Wenn man was reißen will, muss man nach Berlin gehen“. Man denkt: „Alle die krass drauf sind, müssen nach Berlin“. Und das dachte ich auch. Dann habe ich in Berlin aber fest gestellt, dass das eine Weile tatsächlich krass ist, aber dann muss man einfach genau so arbeiten wie alle anderen auch, um voran zu kommen.  Wenn du in einem Dorf in Süddeutschland ein Konzert spielst,  interessiert es niemanden, dass du aus Berlin kommst, wenn du die Leute nicht berührst.  Dann kannst du nicht sagen: „Kauft meine CD, ich wohn schließlich in Berlin“.

 

 

Knapp bestandenes Abitur und abgebrochenes Studium – das sieht auf den ersten Blick nicht nach einem sehr guten Start aus. Du hast durchgehalten und bist deinen Weg gegangen. Welchen Tipp kannst du jungen Menschen geben, die vielleicht gerade vor einer schwierigen Entscheidung stehen und überhaupt nicht wissen, was sie werden wollen, oder wie sie Ihre Fähigkeiten einsetzten können? Gibt’s da einen Masterplan?

Es gibt keine Möglichkeit, das theoretisch herauszufinden. Es ist mir persönlich wichtig, das auch so zu kommunizieren. Man muss sich erst einmal für eine Sache entscheiden, dabei ist es egal, ob es richtig oder falsch ist, wichtig ist nur, dass du es gemacht hast.  Und dann kann man immer noch entscheiden, ob man diesen Weg weiter gehen will oder nicht. Die Probleme entstehen ja da, wo man stagniert,  wo man sich also nicht für irgendwas entscheidet und weiter geht.  Man denkt ja immer: „Ich suche die eine Sache, die mich begeistert“.  Aber ich denke, dass es nicht nur eine Sache gibt.  Man muss sich bewegen und viele Sachen ausprobieren.  Begeisterung kommt ja auch durch Beschäftigung. Und das fühlt sich gut an.

 

 

Das Interview führte Jenny.

 

Lest hier den Nachbericht zu seinem ersten Konzert in Cottbus.