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FSJ an einem „Ort des Friedens“

Reportagen

Juliane Wehles Tag beginnt so normal oder unnormal wie der vieler junger Menschen auch: Aufstehen, duschen, anziehen, schnell eine Tasse Kaffee und auf geht’s zur Arbeit. Doch eines ist anders: Die 19-Jährige betreut Menschen die sterben werden und das ist nicht immer leicht.

Juliane ist ein ganz normaler Teenager. Fühlt sich mal gut und mal schlecht. Ab und zu weint sie, oft lacht sie. Sie hat jeden Tag vor Augen, dass die Menschen, mit denen sie arbeitet und zu denen sie eine Bindung aufbaut, von dieser Erde gehen werden. Und das obwohl Juliane erst 19 Jahre alt ist. Sie hat Träume an denen sie festhält. Genau deswegen hat sich die Elsterwerdaerin entschieden, in einem Hospiz zu arbeiten. Juliane will Ärztin werden. Ob das aber das richtige für sie ist, wollte sie im Hospiz herausfinden. Deshalb hatte sie sich entschieden, ihre Bücher erst einmal im Schrank ruhen zu lassen und sich mit ihrer Lebensplanung zu beschäftigen. „Außerdem ist ein freiwilliges soziales Jahr etwas uneigennütziges und selbstloses. Denn meine Mitmenschen liegen mir am Herzen", sagt Juliane. Sie ist stark und zeigt wenig Angst. „Als ich zum Probetag gekommen bin, war mir schon ein bisschen mulmig zumute. Doch plötzlich war die Angst weg. Ich habe vor einem wundervollen Fachwerkhaus mitten im Grünen gestanden. Von da an wusste ich: Hier will ich arbeiten." Auch im Hospiz kam ihre Angst nicht wieder hoch. „Drinnen herrscht so eine familiäre Atmosphäre, das habe ich sofort gemerkt. Es war großartig."

Bei der Suche nach einer FSJ-Stelle waren die Internationalen Jugendgemeinschaftsdienste eine große Hilfe. „Ich hatte immer den gleichen Ansprechpartner, konnte alle meine Fragen stellen und meine Sorgen und Probleme loswerden."

„Kalte Neonröhren, weiß-sterile Kittel, kahle Zimmer – all das sucht man bei uns vergebens", erzählt die 19-Jährige. Denn das Elisabeth Hospiz bei Köln ist alles andere als ein Krankenhaus. Das lässt nicht nur das hübsche Fachwerkhaus in der idyllischen Umgebung erkennen: Die Angestellten tragen ihre Alltagssachen, es gibt ein Wohnzimmer, in dem die Gäste sich treffen können und die wichtigsten Freunde, nämlich die Haustiere, dürfen mit ins Hospiz. „Wir haben bei uns bewusst nur Gäste und keine Patienten", berichtet Juliane. „Damit unterstreichen wir noch mal, dass wir kein Krankenhaus sind. Die Gäste sollen sich wie zu Hause und nicht wie in einem Sterbehaus fühlen." Neben Juliane arbeiten noch fünf weitere FSJ’lerinnen in dem Haus. Im Großen und Ganzen haben sie drei Aufgaben: Die Gäste pflegen, den Haushalt in Schuss halten und sich viel Zeit zum Reden und Zuhören nehmen. Oft reicht es schon, wenn die Jugendlichen auch mal kleine Wünsche erfüllen. Sei es ein ausgefallenes Mittagessen, ein toller Film oder eine Partie Schach. „Damit zaubern wir ein Lächeln in die Gesichter – das ist der größte Lohn, den es gibt. Und wenn unsere Gäste glücklich sind, sind wir es auch." Das wichtigste ist es, dafür zu sorgen, dass die Kranken keine Schmerzen mehr haben. „Doch wir versuchen das so hinzubekommen, dass jeder selbst so viel wie möglich mitbestimmen kann. Denn jeder Mensch hat ein Recht darauf, würdevoll seinen Lebensabend zu verbringen."

Doch auch die Stärksten werden mal traurig. So ging es das eine oder andere Mal auch schon Juliane. Plötzlich war der Gast, um den sie sich lange Zeit gekümmert hat und den sie gern mochte, einfach nicht mehr da. „Da war ich traurig", sagt die 19-Jährige. Doch mit seiner Trauer alleingelassen wird im Hospiz niemand. Auch nicht die FSJ’ler. Bei Trauerfeiern für die Familie dürfen sie sich genauso wie jeder andere vom Verstorbenen verabschieden und eine Psychologin ist auch im Team. „Wenn wir wollen, dann können wir auch mit ihr sprechen", erklärt Juliane.

Geduld, Sensibilität, Vorsicht, Aufmerksamkeit und Zuwendung sind oberstes Gebot bei der Arbeit mit den Gästen. Das weiß auch Juliane. Und obwohl ihr Job eigentlich traurig ist, betrachtet Juliane ihn als ein Geschenk. „Mich freut es besonders, dass unser Hospiz keineswegs ein Ort der Hoffnungslosigkeit und Trauer ist. Der offene Umgang mit dem Tod nimmt uns allen die Angst und schafft Raum zum Lachen und Freuen."

Wo Juliane nach ihrem FSJ Medizin studieren wird, weiß sie noch nicht. Dass sie es tun wird aber schon. „Mich füllt die Arbeit im Hospiz mit großer Zufriedenheit aus. Bei der Arbeit in sozialen Einrichtungen lernt man viel über Menschen, sich selbst, und die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Ich persönlich nehme die Erkenntnis mit, dass man viel mehr schaffen kann, als man sich vorerst zutraut."