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Die süße Leidenschaft

Reportagen

Schokolade macht glücklich! Dann müsste ein Schokolatier der glücklichste Mensch der Welt sein, oder? Das PLANBAR-Team ist dieser Frage nachgegangen und hat sich auf den Weg in das idyllische Hornow gemacht.

Wir trafen Goedele Matthysen, die hier zusammen mit ihrem Mann Peter Bienstmann die Confiserie Felicitas eröffnete und fanden interessante Antworten auf unsere Fragen zum Beruf des Schokolatiers, der Entstehung der Confiserie und über das spannende Leben ihrer belgischen Besitzer.

Der weite Weg von Afrika in die Lausitz
Bevor die beiden Belgier in die Lausitz zogen, leisteten sie gemeinsam Entwicklungshilfe in Nigeria. Goedele ist eigentlich gelernte Krankenschwester, ihr Mann Betriebswirt und Ingenieur. Während ihrer Zeit in Afrika entwickelte sich der Traum einer eigenen Firma. Zudem stand für beide eines fest: Belgien war ihnen nach den Weiten, die sie täglich in Afrika erlebten, zu eng geworden.

Die Naturliebhaber verbrachten einen Urlaub in der Lausitz und haben sich sofort in die Ruhe und die weitläufige, grüne Landschaft verliebt. Ihr zukünftiges Leben sollte hier stattfinden, allerdings stand zu dieser Zeit in keinster Weise fest, dass sie später einmal eine Schokoladenfabrik eröffnen würden. Stattdessen dachten sie über eine Keksfabrik, ihr Mann gar über eine Fleischerei nach. Doch das kam für Goedele nicht in Frage. Nach einigen Überlegungen stießen sie auf etwas, dass in ihrer Heimat selbstverständlich, ja alltäglich war, sich in Deutschland jedoch als Marktlücke entpuppte: handgemachte belgische Schokolade. „Schokolade gehört eben einfach zum Leben dazu!“, lacht sie.

Die Anstrengungen der kommenden Jahre
Nachdem das Paar nun das feste Ziel vor Augen hatte, Schokolade in der Lausitz zu produzieren, brachen sie ihre Zelte in Afrika ab und zogen 1991 nach Brandenburg. Beide hatten während ihrer Zeit als Entwicklungshelfer keine Möglichkeit gehabt Geld anzusparen und benötigten daher finanzielle Unterstützung bei der Gründung ihres Unternehmens. Ein älteres Ehepaar aus der belgischen Botschaft in Nigeria hatte schon länger nach einer Investitionsmöglichkeit gesucht und sich schließlich als einer von zwei stillen Gesellschaftern noch bis zum Jahr 2004 am Unternehmen beteiligt.

1995 dann das erste große Tief für die Jungunternehmer – sie waren pleite, nachdem sie einen Laden in der Cottbuser Burgstraße sehr teuer angemietet und auf eigene Kosten renoviert hatten. Sie betrieben dort ein kleines Café, um eine Sicherheit zu haben, falls ihre Schokolade nicht angenommen werden würde. Außerdem verfolgten sie damit auch noch ein anderes Ziel: „Zu jedem Kaffee gab es immer eine Praline. So machten wir die Leute auf die Schokolade aufmerksam und die Besucher unseres Ladens kamen an einer Kostprobe gar nicht vorbei.“

Nichtsdestotrotz warf der Laden nicht genug Geld ab. So wurde die Suche nach einem Haus zu einer Herausforderung. In Hornow, durch den Tipp einer Anwohnerin, fanden sie dann endlich ein Gebäude – die alte LPG Küche, die sich in einem Kuhstall befand und für die sie wieder sehr viel Miete zahlen mussten. „Aber so konnten wir wenigstens mit der richtigen Produktion beginnen“, blickt die dreifache Mutter zurück. Aber auch das gestaltete sich reichlich schwierig, denn fließendes Wasser gab es in dem alten Gebäude nicht. „Stellt euch einmal vor, wir kamen aus Afrika, dort hatten wir fließendes Wasser und dann kamen wir in die DDR und auf einmal gab es sowas nicht mehr“, darüber kann die Frohnatur heute nur noch schmunzeln.

Goedele wurde bald darauf schwanger und verpackte bis zum Abend vor der Geburt noch Schokolade. Ein Unternehmen aufbauen, ein Kind groß ziehen und ständige Geldsorgen zerrten sehr an den Reserven von Goedele und Peter. Kraft schöpften die beiden damals vor allem aus dem Zusammenhalt und der Unterstützung einiger Dorfbewohner, von der sie noch heute schwärmt: „So ein Gemeinschaftsleben haben wir bisher noch nirgendwo gesehen, in Belgien ist jeder einfach nur für sich, da ist das total verloren gegangen.“ So kümmerte sich beispielsweise „Oma Marie“, der die andere Hälfte des Hauses gehörte, rührend um ihr erstes Kind und half, wo sie nur konnte.

1996 sollte ein schweres Jahr für die Auswanderer werden. Oma Marie verstarb und somit verlor das Paar neben einer treuen Freundin auch eine große Stütze in ihrem Leben. Zudem hatten sie kein Geld mehr und die Treuhand wollte ihr Haus zum Verkauf freigeben. Doch das Paar gab die Hoffnung nicht auf und so baten sie, nach einiger Überwindung, ihre Eltern um Geld. Mit diesen Mitteln kauften sie zunächst ihre Haushälfte und bezahlten in den kommenden drei Jahren auch Maries Teil ab.

Schritt für Schritt zum Erfolg
Ab diesem Punkt ging es bergauf. Inzwischen starteten sie den ersten Verkauf für Nachbarn und Dorfbewohner, der immer dienstags und freitags im damaligen Büro der LPG-Küche stattfand. Dass nun handgemachte Schokolade im eigenen Dorf verkauft wurde, verbreitete sich unter den Bewohnern wie ein Lauffeuer und so musste 2004 das erste Mal angebaut werden. Auch ein zweites Kind war zu dieser Zeit schon auf der Welt. „Wir haben sie Marie genannt, damit wir immer eine Marie im Haus haben.“ Nach und nach ließen Goedele und Peter das Gebäude restaurieren, brachten ihr drittes Kind zur Welt und hatten nunmehr drei eigenständige Vertreter, die für sie Schokolade verkauften. Zum ersten Mal seit ihrer Gründung hatten die beiden ein bisschen Geld.

In den kommenden Jahren sollte die Erfolgsgeschichte der beiden nicht abreißen. Eines Tages besuchte eine Schulklasse aus der Umgebung an ihrem Wandertag die Confiserie. Die Kinder erzählten zu Hause begeistert von ihrem Ausflug und so wollten immer mehr Menschen die Schokoladenfabrik sehen. Heute kommen 3-4 Reisebusse pro Tag, manchmal auch sechs, um eine Führung durch das Gebäude zu erhalten oder einfach nur um Schokolade zu kaufen.

2005 wurde Goedele zur Unternehmerin des Jahres gewählt, was der Confiserie viel Aufmerksamkeit und vor allem neue Kunden brachte, denn auf einmal gab es auch Aufträge aus Berlin.

Goedele und Peter haben es geschafft. Ihr Traum vom eigenen Unternehmen ist Wirklichkeit geworden, auch wenn sie es nicht immer leicht hatten. „Auf unserem Weg haben uns viele Menschen von oben herab behandelt und wir mussten viel Erniedrigung über uns ergehen lassen.“ Heute sind es dieselben Menschen, die auf einmal sehr viel freundlicher zu den beiden sind, doch täuschen lassen sie sich nicht, sie wissen, wer zu ihnen gehalten und sie unterstützt hat. Bodenständig, freundlich und hilfsbereit ist das Paar trotz des Erfolges geblieben und auch Goedele weiß: „Afrika und unsere Anfangszeit halten uns auf dem Boden. Für mich ist das wichtigste der Respekt und der Blick für den anderen und vor allem für diejenigen, denen es nicht gut geht.“

Wir verließen Hornow zufrieden und mit einem Gefühl des Glücks, was nicht allein an der selbstgemachten heißen Schokolade und den Kostproben aus dem Sortiment von Felicitas lag, sondern vielmehr an der Ausstrahlung, der Herzlichkeit und Wärme ihrer Besitzer, die uns ihre faszinierende Geschichte erzählten und bei uns den Eindruck hinterließen, dass der tägliche Umgang mit Schokolade doch irgendwie ganz schön glücklich machen muss.

Traumberuf Schokolatier
Die Confiserie Felicitas hat heute 49 Mitarbeiter, darunter drei Schokolatiers. Sie wurden während  ihrer Ausbildung in die hohe Kunst des Schokoladeschmelzens eingeweiht und lernten wie die perfekten Pralinen, Hohlkörper und Tafelschokoladen entstehen. Um dieses Wissen zu erlangen, brauchten sie sage und schreibe ein ganzes Jahr. Ein weiteres um die Herstellung der Pralinenfüllungen nach den Geheimrezepten  der Besitzerin zu erlernen.

Doch wie könnt ihr Schokolatier werden? Das ist eine schwierige Angelegenheit, denn in Deutschland ist Schokolatier kein eigenständiger Ausbildungsberuf. Deshalb müsst ihr zunächst eine Ausbildung zum Konditor absolvieren um euch anschließend als Schokolatier zu spezialisieren.

Goedele selbst hat ihr Handwerk  beim Meisterschokolatier Erik Goossens in Antwerpen erlernt. Er ist ein Begriff in der Schokoladenwelt und beliefert sogar Barack Obama mit seinen selbstgemachten Pralinen.

 

Übrigens:
Felicitas ist die weibliche Form von Felix, was so viel bedeutet wie die Glückliche, die Glückselige. Der Name Schokolaterie wurde allerdings im Jahr 1992 von der Verwaltung nicht genehmigt, so mussten sie sich einen anderen Namen überlegen. Aus diesem Grund heißen sie heute auch Confiserie, obwohl das, der Bedeutung nach eigentlich ein Laden ist, in dem neben Schokolade auch Kaugummi und Bonbons verkauft werden.

 

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