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Ergotherapie – Viel mehr als nur Basteln

Reportagen

Eigentlich wollte Annett Tillack (33) nach dem Abitur Medizin studieren. Auf Grund der vielen Wartesemester entschied sie sich dann aber doch vorerst eine schulische Ausbildung zu machen. Dabei entdeckte sie den Job fürs Leben.

„Meine schulische Ausbildung zur Ergotherapeutin fand in Bautzen, an der Medizinischen Akademie - Berufsfachschule für Ergotherapie statt. Da ich in Weißwasser gewohnt habe, bin ich jeden Tag per Fahrgemeinschaft gependelt“ erinnert sich Annett Tillack. Neben dem überwiegenden schulischen Teil beinhaltet diese Ausbildung mehrere Praktikumsphasen. Die Einsatzgebiete sind dabei vorgeschrieben. Neben der Behindertenwerkstatt in Weißwasser, waren für sie auch die Psychiatrie in Spremberg, ein Altenpflegeheim und die Neurologie in Beelitz-Heilstätten Einsatzorte. „Die praktischen Phasen umfassen jeweils 3 Monate und sind so angelegt, dass man in alle Bereiche, in denen man später arbeiten könnte, rein schnuppern kann“ erklärt sie. Das letzte Praktikum ist meist als Prüfungspraktikum angelegt, das heißt, dass man sich bei der praktischen Prüfung auf einen Patienten bezieht, mit dem man während der 3 Monate gearbeitet hat. Aufgabe ist es dann für ihn eine Anamnese und einen darauf aufbauenden Therapieplan zu erstellen. Neben der Praxis wird auch die Theorie abgefragt. An drei Tagen ist schriftliche Prüfung. Dabei werden z.B. Krankheitsbilder, Psychologie und Pädagogik abgefragt. „Auch eine Handwerksprüfung ist Teil des Abschlusses“ erzählt die Chefin des fünfköpfigen Ergo-Teams der Spremberger Psychiatrie. „Ich habe zwei Themen gezogen und konnte mir davon eins aussuchen, das ich dann, nach genauen Vorgaben, umsetzten musste. Bei der Wahl zwischen Weben und Töpfern, fiel mir die Entscheidung nicht schwer. Ich habe mich entschieden einen Menschen und ein Tier aus Ton herzustellen.“
Heute ist Annett Tillack wieder da, wo sie in den 90er Jahren schon einmal ihr Praktikum absolviert hat – in der Psychiatrie des Spremberger Krankenhauses. „Ich kann mir nichts anderes mehr vorstellen“ sagt sie überzeugt. Zusammen mit ihren vier Kollegen der Ergotherapie arbeitet sie daran, bei Patienten die z.B. an Demenz erkrankt sind, die noch vorhandenen Fähigkeiten zu erhalten. Sie hilft depressiven Patienten ihre Freizeit sinnvoll zu gestalten und macht sie wieder fit für den Alltag. „Es gibt viele die denken, dass wir Ergotherapeuten die Basteltanten sind, dabei ist der Beruf so wahnsinnig vielseitig. Klar basteln und handwerkeln wir viel, aber wir machen mit den Patienten auch Sport und üben, wie sie Konflikte richtig lösen.“ Auch Musiktherapie, die Arbeit in Gruppen und das trainieren von so alltäglichen Sachen wie Waschen und Anziehen gehört zu dem Aufgabenbereich eines Ergotherapeuten. „Einige Ergotherapeuten kümmern sich auch um Patienten, mit längerer Krankheitsgeschichte oder um verhaltensauffällige Patienten, die in die Arbeitswelt wieder eingegliedert werden müssen. Bei uns gehört das nicht zu den alltäglichen Aufgaben“ erklärt die Ergotherapeutin, die seit 1999 mit Leib und Seele dabei ist.
Auf die Frage hin, welche Voraussetzungen ein junger Mensch mitbringen sollte, um Ergotherapeut zu werden, erklärt sie, dass die menschlichen Werte und Umgangsformen in diesem Berufsfeld im Vordergrund stehen. „Ein Ergotherapeut sollte Menschen und Situationen einschätzen können, um zu wissen mit welchem Patienten er wie weit gehen kann und welche Therapie der richtige Weg zur Heilung ist.“ Außerdem spielen Kreativität, Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit Patienten zu motivieren eine große Rolle. „Probleme müssen zu Hause bleiben. Es ist also wichtig Beruf und Privates zu trennen. Auf der einen Seite, weil die Patienten meist genug eigene Probleme haben und wir sie dann nicht noch mit unseren eigenen belasten können. Auf der anderen Seite müssen wir natürlich auch selbst abschalten können sobald wir das Krankenhaus verlassen haben, denn das Leid einiger Patienten kann schon sehr belastend sein“ erläutert Annett Tillack. Als schönste Seite an diesem Job beschreibt sie das Gefühl, Patienten während Therapiesitzungen ein oder zwei schöne Stunden zu bereiten, in denen sie ihre Probleme und Depressionen wenigstens für einen kurzen Moment vergessen können. „Für sie wie ein zweites zu Hause zu sein, entschädigt für die traurigen Augenblicke.“ Auch die hat sie in über zehn Jahren Berufserfahrung schon mehr als einmal erlebt.