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Erfolg auf der Rennbahn

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Erfolg auf der Rennbahn und erfolgreiche Laufbahn – die duale Karriere ist möglich

Am Rande der Vertragsunterzeichung zur Kooperation zwischen Vattenfall und dem Olympiastützpunkt Brandenburg, die jungen Menschen helfen soll, sowohl ihre sportliche Laufbahn zu verfolgen als auch ihre berufliche Entwicklung voranzutreiben, traf PLANBAR den Cottbuser Radprofi Maximilian Levy. Der 26-Jährige hat es geschafft, Leistungssport und Beruf zu vereinbaren und ist dabei auch noch unglaublich erfolgreich. Wie er zum Sport kam, wieso er nach Cottbus zog und wieso er hier bleiben möchte, haben wir für euch festgehalten.

Wie bist du eigentlich zum Radfahren gekommen?

Das ist eine ganz alte Geschichte. Ich bin ja eigentlich geborener Berliner, und in Berlin war es so: Radfahren war für mich Freiheit. Ich bin damals durch den Stadtpark, und das war einfach sensationell. Doch dann wurde mir dort dreimal das Fahrrad geklaut, und meine Eltern waren nicht bereit, mir immer wieder ein neues zu kaufen und haben gesagt: „Geh doch in einen Verein, wenn du fahren willst!“ Aber das war ja in Berlin auch nicht so einfach. Schließlich habe ich einen Verein bei mir um die Ecke gefunden und recht günstig. So hat es dann mal angefangen.

Und vom Fahren im Park hat es sich zum Leistungssport entwickelt…

Naja, mit 13 denkst du ja nicht an Leistungssport in dem Sinne. Man hat davon eigentlich keine Vorstellung. Es macht einfach Spaß, das ist das Wichtigste, und dann entsteht es irgendwo. Ich habe aber schon früh gesagt: „Jetzt will ich es ein bisschen ernsthafter betreiben“. Ich habe aber gemerkt, dass es in Berlin nicht so funktioniert, wie ich mir das vorstelle. Dann bin hierher nach Cottbus an die Sportschule gegangen. Hier waren die Bedingungen einfach besser. Deswegen kam auch der Wechsel, weil es hier mit der Schule und dem Internat besser gepasst hat. Ich habe dann hier im Internat gewohnt.

Das ist ja als so junger Mensch keine einfache Entscheidung, von zu Hause wegzugehen…

Ja, da braucht man schon den Rückhalt der Familie, dass sie einen da unterstützen und den eigenen Wunsch, die Kinder zu Hause zu behalten, hinten anstellen.

Und heute bist du so erfolgreich! Also hat es sich ja auch gelohnt!

Ja, das ist ja das Schöne, das viele beim Sport gar nicht so sehen. Es denken immer alle nur an Leistungssport und im höchsten Spitzenbereich und an Olympiamedaillen, aber es prägt ja auch die Menschen. Selbst wenn ja einer mit 18 sagt: „Gut, das war’s, mehr geht nicht“ hat er ja trotzdem was für’s Leben gelernt, wenn er hier im Internat gelebt hat und sich selbst organisiert hat, sich durchsetzen musste – das ist schon ein Riesenvorteil. Auch sich im Wettbewerb behaupten und mit Stresssituationen umgehen… Ich denke, dass viele Kinder heute viel zu verwöhnt sind, um einfach Sport zu treiben, denn wer hat jetzt noch den Antrieb, sich am Sonntag drei Stunden auf das Fahrrad zu setzen, auch wenn es regnet, wenn ich doch auch an der Playstation so tun kann als ob.

Ja, stimmt, aber das wollen wir in diesem Jahr auch ändern mit unserem Magazin. Hoffentlich können wir die Jugend ein bisschen anspornen... Ich habe gelesen du kommst gerade aus Paris, und nun stehen in Cottbus zwei Wochenenden mit Wettkämpfen an. Das ist ja schon ein straffes Programm. Wie sieht denn in so heißen Phasen der Trainingsalltag aus?

Man muss das differenzieren. Die Weltmeisterschaft war im Februar in Minsk, und jetzt im Sommer sind erst einmal die Rennen als Qualifikation für die Weltcups, und über die Weltcups qualifiziert man sich für die WM. Dementsprechend sind natürlich die Vorbereitungen für die WM wesentlich umfangreicher, zumal die ja im Winter ist, was natürlich in Deutschland ein bisschen schwierig ist vom Wetter her. Der Sommer ist mehr so eine Übergangszeit, in der man viel trainiert und viel Grundlagen in dem Bereich legt, die man im Winter abrufen muss. Und im Winter ist es so, dass ich da extrem viel unterwegs bin, weil wir auch immer ein Stück weit der Sonne hinterher reisen müssen. Die Wettkämpfe sind dann mal in Mexiko oder Kolumbien. Ja, das ist dann schon ein ganz schön straffes Programm.

Das klingt auf jeden Fall anstrengend. Und trotzdem hast du noch eine Teilzeitstelle bei Vattenfall…

Ja, aber das ist letztendlich schon gut vereinbar. Ich bin hier in gewisse Projekte eingebunden, die ich jetzt auch von unterwegs bearbeiten kann, aber ich muss nicht täglich auf Arbeit rein und raus laufen. Das ist ja auch nicht machbar. Deswegen ist es für mich eine gute Sache, dass ich erstmal hier meine Ausbildung machen konnte, mit den Bedingungen für den Sport, und jetzt arbeite ich hier weiter – das ist schon optimal.

Diese Ausbildung: wurde sie von Vattenfall direkt so angeboten oder musste man sich da auch bewerben? Wie läuft das als Sportler, wenn man so eine Teilzeitausbildung macht?

Die Ausbildung habe ich ja ganz normal gemacht, wie jeder andere, nur dass ich sie um ein Jahr strecken konnte. Das kann aber jeder andere auch, wenn er zum Beispiel nicht durch die Prüfung kommt oder krank ist oder so. Es war so, dass es hier eben den Verbund zwischen Vattenfall und dem Olympiastützpunkt gibt, und am Olympiastützpunkt gibt es einen Laufbahnberater, der sich der Kadersportler annimmt. Und über die Jahre entwickelt man ja selber ein Gespür dafür, wo es hingehen soll. Der Laufbahnberater gibt einem dann Vorschläge oder Möglichkeiten, was du denn machen kannst und was auch Sinn macht. Ich hab mich damals dann hier bei Vattenfall beworben, bin doch nochmal ein Jahr länger zur Schule gegangen und bin dann das Jahr danach zur Ausbildung eingestellt worden. Damals hatte ich auch beide Tests gemacht, für die Ausbildung zum Industriemechaniker und die zum Industriekaufmann, aber ich wollte von Anfang an in die kaufmännische Schiene, das ist schon eher mein Ding.

Und wie war das eigentlich mit der Berufsschule damals: War es komisch als Leistungssportler ganz normal in die Berufsschule zu gehen und vielleicht links und rechts neben sich Leute sitzen zu haben, die sich nicht mal ansatzweise für Sport interessieren?

Naja, es ist halt heftig, wenn du zur Berufsschule gehst, wenn du von 7 bis 15 Uhr in der Schule sitzt und nachher noch trainieren bist… Anders herum: Für den Weg als erwachsener Mensch, wenn du von der WM wiederkommst und Weltmeister wirst, und nächsten Montag sitzt du wieder in der Schule, dann merkst du erstmal wieder: Ah, hier unten ist der Boden. Also das war schon auch wichtig, diese Komponente zu sehen.

Stimmt, aber diese Einstellung ist wahrscheinlich nicht so oft vertreten…

Ja, es ist halt so, ansonsten wäre ich ja nicht Spitzensportler auf dem Niveau. Denn da kommst du nicht hin mit einfach ein bisschen Talent. Der Kopf muss halt stimmen, man muss es wollen. Du brauchst aber auch irgendwo Leute, die dich unterstützen, sei es jetzt Vattenfall an sich, aber eben auch unser Olympiastützpunkt-Leiter. Wenn ich ein Problem hab, kann ich ihn anrufen. Und wenn ich mal wieder in Frankfurt/ Oder bin, dann sitzen wir zusammen, trinken einen Kaffee und unterhalten uns über die Dinge. Das hast du nur hier, das hast du in Berlin nicht. Das vergessen viele. Es denken viele schlecht über Cottbus, aber so schlecht ist es hier gar nicht.

Was wäre denn gewesen, wenn Vattenfall dieses Angebot hier nicht hätte? Dann hättest du vor der Entscheidung „Beruf oder Sport“ gestanden?

Das ist natürlich eine schwierige Frage, weil es ja einfach so war, dass die Möglichkeit bestand. Und die habe ich natürlich dankend angenommen. Keine Ahnung, was ich gemacht hätte, wenn es nicht geklappt hätte. Viele andere Sportler sind in der Bundeswehr oder bei der Bundespolizei. Das Problem bei der Bundeswehr nur ist: Man hat effektiv keine Ausbildung. Und bei der Bundespolizei ist es so: Es muss jeder wissen, ob er Polizist ist. Ich bin es nicht. Und das habe ich eigentlich auch von Anfang an so kommuniziert. Manche sagen sich natürlich, dass sie eben ein paar Jahre bei der Polizei sind und dann nochmal was anderes machen. Die Ausbildung bei Vattenfall war eben meine Linie, und die bin ich gegangen.

Es spielt sicher auch die Perspektive eine Rolle, die einem hier geboten wird, in dem Beruf dann später weiter zu arbeiten, oder?

Ja, und die Möglichkeiten sind als Kaufmann dann auch größer als als Mechaniker.

War es damals wichtig, diesen Plan B zu haben oder war es so: Hättest du keine Ausbildung bekommen, hättest du dich nur für den Sport entschieden?

Schwierige Frage. Letztendlich hatte ich Plan A und habe den so ausgebügelt, dass er auch funktioniert. Also ich bin halt so ein Typ, ziemlich gradlinig und zur Not, wenn ich mit dem Kopf nicht durch die Wand gekommen bin, dann eben mit mehr Schwung nochmal. Damit stößt man natürlich nicht immer nur auf Begeisterung, das ist auch klar. Aber letztendlich kann ich für mich sagen: Für mich war es der richtige Weg. Ich habe mich auch oft mit Leuten gestritten über Sachen, wo ich immer sage: Das ist wieder dieser klassische Fall von „Reibung erzeugt Wärme“. Es hat mich selber letztendlich dahin gebracht, wo ich mittlerweile bin. Und es ist auch mein Ansinnen für die Zukunft, dass ich ein Stück weit helfen kann, dass es auch weiteren Sportlern so geht.

Also würdest du auch anderen Menschen den Weg so weiterempfehlen?

Ja, das, und vor allem will ich auch einfach für die Stadt und für den Sport hier in Cottbus werben und sagen: „Hier bin ich! Wenn ihr eine Frage habt, dann bitte.“ Und ich versuche – eben auch weil ich nunmal mit dem Olympiastützpunktleiter per du bin – ihm zu sagen: „Pass auf, da und da klemmt’s, das und das muss mal gemacht werden.“ Das ist schon ein Riesenvorteil.

Du bist ja jetzt auch im Präsidium vom Radsportclub und sehr engagiert über den aktiven Sport hinaus…

Soweit wie es mir zeitlich möglich ist, mit Rat und Tat beiseite zu stehen… Es ist einfach so: ich bin auch in der Nationalmannschaft Fahrersprecher und so. Ich kann einfach eine Stimme von den Sportlern wiedergeben. Denn wenn jetzt ein 17-Jähriger kommt, dann wird er wahrscheinlich nicht so für voll genommen. Wenn ich das aber sage, dann ist da schon was Fundierteres dahinter. Den Stand habe ich mir erarbeitet, und das wird auch gerne angenommen. Meistens.

Ich höre da heraus, dass dir die Region am Herzen liegt und es dir wichtig ist, sich hier einzubringen. Cottbus ist also auf jeden Fall mehr Heimat als Berlin?

Ich bin seit 13 Jahren hier, ich wohne hier…

Ich meine, bis auf den Sport und den Olympiastützpunkt: Gibt es etwas anderes, worin Cottbus ein Stück weit die Nase vorn hat?

Also ich find‘s einfach schön – und ich kann es ja vergleichen –, dass diese Stadt irgendwo so ein eigenes Leben hat. Insofern, als dass ich hier hinkomme und kenne und sehe die Leute. Es ist nicht so eine Anonymität wie jetzt in einer Großstadt. Es gibt keinen Stau. [lacht] Und ich finde auch, dass sich Cottbus in den letzten Jahren – oder Jahrzehnte muss ich schon sagen – einfach entwickelt hat. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich 2000, als ich hierher gekommen bin in den Sommerferien, mit meinem Fahrrad die Stadt abgefahren bin, um einfach mal so zu gucken. Und verglichen dazu, wie es hier heute aussieht, sind wir auf dem richtigen Weg. Deswegen: Ich leb hier gerne und ich will hier auch weiterleben.

Nochmal zurück zum sportlichen Wettkampf: Wie ist es denn so kurz vor dem Start? Du hast das ja schon oft erlebt und bist routiniert. Aber ist man vielleicht doch noch ein bisschen nervös, oder nur vor Highlights wie Olympia?

Es ist natürlich so, dass man ein Stück weit abstumpft. Für einen 18-Jährigen, der gerade im ersten Jahr bei den Männern ist, stellt eine Deutsche Meisterschaft das Highlight schlechthin dar, aber inzwischen, naja, die nehm‘ ich halt mit. Das ist jetzt nichts mehr, wo ich mega für brenne oder sowas. Es ist ganz normal, dass sich das ein Stück weit verschiebt. Aber es ist ein Irrglaube zu denken, mit der Erfahrung wird das alles einfacher und man stellt sich an den Start und das wird schon. Im Gegenteil. Es ist eher so, dass du dir heute bewusster bist über die Dinge, die du vorher unternommen hast, um eben die Leistung zu bringen. Also in Peking damals, da habe ich mir darüber überhaupt keine Platte gemacht. Ich bin dahin gefahren, bin dort dann Vierter geworden – ja okay, danke, tschüss! Und dieses Mal war klar: Das ist der Höhepunkt in London, und dafür habe ich halt keinen Stein unbewegt gelassen. Das zu wissen setzt einen ja auch selbst unter Druck: Was hab ich alles dafür unternommen. Und dann willst du natürlich auch die Leistung abrufen. Deswegen ist es nicht so, dass es einfacher wird durch Erfahrung.

Und wie geht man damit um, mit so einer Nervosität? Wie fokussiert man sich auf das Rennen, gibt es da irgendwelche Tricks?

Ich glaube, da muss jeder seinen eigenen Weg suchen und finden. Das ist ja auch der Trick: den Weg finden überhaupt. Denn viele sind zwar wunderbar Trainingsweltmeister, aber du musst halt zum Zeitpunkt X deine Leistung abrufen. Ich gewinne vielleicht nicht bei der Deutschen Meisterschaft, denn ich brauche halt auch einfach ein bisschen den Kick, und der ist da einfach nicht mehr gegeben. Aber ich werde auch lieber Weltmeister als Deutscher Meister.

Ja, Weltmeister hört sich auch viel besser an...

Also wenn ich nächste Woche in Cottbus nicht gewinne, ist das nicht schlimm. Viele denken immer: Mann, der ist doch Weltmeister, warum gewinnt er denn hier nicht? Naja, weil es so ist.

Was würdest du jungen Leuten mit auf den Weg geben, für die Region oder für deren Leben? Was denkst du, was wichtig ist?

Wichtig ist, dass man sich mit seiner Aufgabe oder mit sich selbst identifiziert. Es muss keiner eine Ausbildung machen oder weil er jetzt Sportler ist zur Bundeswehr oder zur Polizei gehen, nur weil er denkt es muss so sein, denn es machen alle anderen auch so. Sondern man muss das machen, woran man Spaß findet, und man muss natürlich dafür auch hart arbeiten. Das klingt immer so schön: es muss Spaß machen. Ja, aber es macht nicht immer nur Spaß. Und dann wie gesagt: Ich habe den Eindruck, dass viele junge Leute schon sehr bequem sind in Deutschland und nur noch über gewisse Dinge meckern. Und dadurch, dass ich ja viel rumkomme, weiß ich, uns geht’s eigentlich richtig gut. Und dessen sollte sich eigentlich jeder bewusst sein und immer wieder bewusst machen. Das ist wichtig. Aber letztendlich muss man sich mit dem identifizieren, was man macht und mit dem, wer man ist.