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Der syrische Tanzlehrer

Leben

„Wir probieren jetzt noch einmal den Vorwärtssalto“, ruft Wael Altair seinen Schülern über die Schulter und zeigt den freien Überschlag selbst vor. Eine dicke Matratze liegt auf dem Boden. Sie soll vor Verletzungen schützen. Die zehn- bis 15-jährigen Schüler nehmen Anlauf und schleudern gekonnt ihr Körpergewicht durch die Luft. Was wie eine halsbrecherische Zirkusnummer aussieht, ist ein wichtiger Bestandteil des Breakdance. Seit zwei Jahren unterrichtet der junge Syrer Wael Altair im Lübbenauer Tanzstudio Bella diese Tanzform.

Eine Ausbildung zum Tanzlehrer hat der 24-Jährige nicht. „Ich habe Breakdance zum ersten Mal in Syrien auf der Straße gesehen. Meine Freunde haben das gemacht und ich wollte das auch können“, berichtet Wael. Dass der damals 18-Jährige mit diesem Hobby irgendwann mal sein Geld verdienen würde, ahnte er nicht. Dann kam der Krieg.

Von Damaskus nach Lübbenau

Zusammen mit seinem Cousin floh Wael Altair im Jahr 2016 aus Damaskus in Syrien nach Europa. Die beiden kamen zuerst in ein Flüchtlingswohnheim nach Potsdam und später nach Kittlitz, einem Dorf bei Lübbenau. Dass es dort einen jungen Mann gibt, der die gesamte Unterkunft mit Breakdance unterhält, hat sich bis nach Lübbenau herumgesprochen. Durch eine Bürgerinitiative wurde schließlich Jenny Reichert auf den jungen Syrer aufmerksam. Sie ist die Leiterin des Tanzstudios Bella. „Wir haben beide voneinander gelernt. Er hat den Breakdance in mein Tanzstudio geholt, und ich habe ihm ein wenig Deutsch beigebracht“, erinnert sie sich.

„Ich habe keinen Trainingsplan, an den ich mich halte. Den Unterricht mache ich jede Woche anders“, gibt der 24-Jährige zu. Nach dem gemeinsamen Warm-Up treten die Schüler mit ihrem Lehrer vor die Spiegelwand und üben an einer von Wael ausgedachten Choreographie. Die Anweisungen sind klar. Keiner der Jungs und Mädchen sitzt herum, jeder arbeitet an seinen eigenen Zielen. Erstaunlich professionell und mit viel Begeisterung wagen sich die Schüler bereits an höhere akrobatische Elemente, den so genannten „Power Moves“ heran.

Leidenschaft, Disziplin und Ehrgeiz beim Tanzen

Das Wichtigste beim Breakdance sei die Leidenschaft, meint Wael Altair: „Spaß an der Bewegung ist eine gute Basis, aber das reicht nicht aus, wenn man Breakdance machen möchte – dazu gehört mehr“, erklärt der 24-Jährige. Das zeigt sich im Einzeltraining. Körperbeherrschung, Disziplin und Ehrgeiz sind dabei erforderlich. Ob beim Rückwärtssalto oder beim Handstand: Wer hier nicht mit vollem Körpereinsatz bei der Sache ist, könnte sich verletzen. „Mach die Beine wie ein X, dann hast du mehr Halt“, weist Wael Altair seine Schülerin beim Handstand an. Sie arbeitet an einem „Air Freeze“, einem Handstand, der nur auf einem Arm ausgeführt.

Ausbildungsplatz gesucht

Die Disziplin, mit der Wael Altair den Breakdance gelernt hat, kommt dem jungen Syrer auch im Alltag zu Gute. Das Sprachzertifikat mit dem Niveau B1 hat er bereits geschafft. Bald fängt der anspruchsvollere B2-Kurs an, den Wael bestehen muss. Erst dann kann er für eine Ausbildung in Deutschland zugelassen werden. Der junge Breakdancer würde gern eine Ausbildung machen, bei der er sportlich tätig sein kann. Aber auch ein Ausbildungsplatz zum Elektriker würde ihn interessieren. Momentan arbeitet er noch in einem Asia-Imbiss mit. „Ich würde gerne hier bleiben, wenn ich eine Ausbildung machen kann und Arbeit finde“, wünscht sich Wael Altair.