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Vom Drogenopfer zum Musterschüler: Der Marsianer aus dem schiefen Weg

Leben

Florian Kaus (23) aus Finsterwalde war drogenabhängig und geriet mit dem Gesetz in Konflikt. Warum ihn ein Bauunternehmer aus Doberlug-Kirchhain dennoch als Lehrling haben will und weshalb ihm seine Mutter manchmal sogar half, Stoff zu bekommen.

Eine Begebenheit, die seine Verwandlung präzise beschreibt, ereignete sich kürzlich in einem Discounter: Florian greift im Obstsortiment nach einer Zitrone, kann sie aber nicht bis zur Kasse transportieren, weil er beide Hände voll hat. Er steckt die Frucht vorübergehend in seine Jacke. Ein paar Minuten später aus dem Laden spazierend bemerkt er eine Beule in seiner Jackentasche. Mist. Er hat vergessen, die Zitrone zu den anderen Artikeln aufs Band zu legen. Schnurstracks macht er kehrt, um die Verkäuferin auf das Versehen aufmerksam zu machen und die Rechnung zu begleichen. Ein feiner Zug und weiß Gott nicht selbstverständlich. Florian weiß das wie kein Zweiter. Denn er sagt selbst: "Vor einem Jahr wäre ich nicht nochmal zurückgegangen."

Florian Kaus ist eigentlich ein ganz netter Typ. Er wirkt nicht wie jemand, der anderen etwas Böses oder einen Supermarkt um dessen Umsatz bringen will. Und trotzdem gehört dieser Satz auch zu seinem Lebenslauf. Florian wird in diesem Jahr 24. Seine Vita liest sich aber nicht wie die, die man von einem jungen Mann in seinem Alter erwartet. Er war drogenabhängig, hat die 10. Klasse nicht beendet, mehr als 20 Ausbildungsmaßnahmen abgebrochen und ist aus drei Wohnungen rausgeflogen. "In einem Haus bin ich von oben nach unten in den Keller gefallen", metaphorisiert er seinen Lebenswandel.

Mit 12 zum ersten Mal gekifft

Florian war zwölf Jahre alt, als er mit Marihuana in Kontakt kam und zu kiffen begann. Später kamen Crystal Meth und Kokain hinzu. Er ist als mehrfachabhängig eingestuft. Die Diagnose, die er vom Arzt bekam, ist eine A4-Seite lang. "Und auch nur, weil sie keine Lust hatten, noch mehr aufzuschreiben", sagt Florian fast so, als wolle er sich selbst verspotten. "Ich habe das Klischee eines Drogenabhängigen voll erfüllt." Die Frage nach dem Warum vermag er nicht zu beantworten. "Die stelle ich mir selber noch."

Womöglich ist der Blick nach vorne eh viel wertvoller als der in den Rückspiegel. Florian hat mittlerweile eine Therapie hinter sich gebracht. Seit anderthalb Jahren ist er clean. Statistisch gesehen gelingt das nur fünf Prozent aller Suchtabhängigen. Doch Florian gehört dazu. Und er steht kurz davor, eine Lehrstelle zu bekommen.

Es gibt viele kleine Helden in dieser Geschichte, ohne die Florian Kaus jetzt nicht da wäre, wo er ist. Ellen Lösche etwa, die Geschäftsführerin der Niederlausitzer Kreishandwerkerschaft, die Florian in ein Aufbau-Programm für junge Menschen ohne Abschluss gesteckt hat. Oder Eike Belle, Geschäftsführerin vom Jobcenter Elbe-Elster, die sich um Leute kümmert, die die Orientierung verloren haben. So übernimmt das Arbeitsamt beispielsweise 70 Prozent der Kosten, die Florian für den Erwerb des Führerscheins schultern muss.

Der eigentliche Held

Der eigentliche Held aber ist der Mann, der den Mut hatte, Florian aufzunehmen: Andreas Schumann, Bauunternehmer aus Doberlug-Kirchhain. Vor etwa einem Jahr kam Florian zu ihm, um ein Praktikum zu absolvieren. Eigentlich wollte Schumann gar nicht mehr ausbilden. Doch er sah mehr in Florian als nur einen rebellierenden Halbstarken und verlängerte das Praktikum eigenmächtig. "Ich habe gesehen, dass dahinter ein guter Kerl sitzt und ich wusste, den müssen wir nur herauskitzeln", sagt er. Mittlerweile durchläuft Florian eine Einstiegsqualifizierung, also eine Maßnahme, bevor er eine richtige Ausbildung bei Schumann anfangen darf. Im September soll es so weit sein. Irgendwie passend: "Am schiefen Weg" lautet die Anschrift vom Baugeschäft. Von der schiefen Bahn in den schiefen Weg. Auch so kann es laufen.

Florian Kaus und Andreas Schumann
Hand drauf: Andreas Schumann (r.) will Florian eine Chance geben und ihm eine Lehrstelle anbieten. Steven Wiesner

Warum sich Andreas Schumann einen Schüler mit einer solchen Vorgeschichte antut, wurde vor ein paar Wochen deutlich, als er beim Handwerkerfrühstück in Finsterwalde zum Thema Fachkräftesicherung referierte. "Man sollte jedem eine Chance geben, sich beschnuppern und nicht gleich in Schubladen denken", ließ er sich da zitieren. Dass dies keine leeren Worthülsen waren, beweist der 59-Jährige, indem er das Experiment mit Florian Kaus wagt. Es gäbe viele, die ihn für verrückt und Florian für eine tickende Zeitbombe halten, sagt Schumann. "Unsere Leistungsgesellschaft ist oft oberflächlich. Die aus der dritten und vierten Reihe aber sind manchmal viel besser. Ich hatte andere Praktikanten, die haben keine Woche durchgehalten."

Sein neuer Eleve bringt da schon mehr Stehvermögen mit. "Ich will meinen Meister machen", benennt Florian Kaus sein Fernziel. Doch der Weg dahin ist weit. Wäre Florians Werdegang eine Tour-de-France-Rundfahrt, hätte er noch nicht mehr als die ersten zwei Etappen abgestrampelt. "Ich bin jetzt vielleicht bei zehn Prozent." Andreas Schumann findet Gefallen an der reflektierten Menschwerdung seines designierten Azubis. "Sie hätten Florian nicht vor einem Jahr sehen wollen. Aber er war immer ehrlich und hat nie etwas verschwiegen." Das Büro von Schumann ist tapeziert mit Auszeichnungen und Meisterbriefen. An der Wand hängt eine Goldmedaille von der Bundesgartenschau 1995. Ob Florian auch schon an solche Preise denkt? "Nein", sagt Florian, "mein Preis ist es, überhaupt so weit gekommen zu sein."

"Wenn er auf Entzug war, war er so unentspannt, dass wir uns nicht unterhalten konnten. Also habe ich gesagt: Komm, wir holen Dir jetzt was. Das ist nicht schwer – in Finsterwalde findest du an jeder Ecke einen Dealer."

Damit spricht Florian vor allem einem Menschen aus der Seele: seiner Mutter. "Ich habe meinen Sohn selten so glücklich gesehen", sagt Jeannette Kaus. Dass sie ihren Lebensunterhalt lange als Suchtberaterin verdiente, hat schon fast tragische Züge. Zumal sie die berufliche Expertise vor die mütterlichen Instinkte stellen musste. "Das Kind fallen zu lassen, ist der einzige Weg", erklärt Jeannette Kaus. "Umso mehr man hilft, desto mehr verlässt sich das Kind darauf. Es ist schwer, das Kind verwahrlosen zu sehen. Aber es gibt keine Alternative." Zu ergründen, welche Überwindung sie dafür aufbringen musste, scheint unmöglich. "Wenn er auf Entzug war, war er so unentspannt, dass wir uns nicht unterhalten konnten. Also habe ich gesagt: Komm, wir holen Dir jetzt was. Das ist nicht schwer – in Finsterwalde findest du an jeder Ecke einen Dealer."

Als "Arschloch" gelobt

Heute baut Florian keine Joints mehr – er baut jetzt Straßen und Gärten. Das heißt aber nicht, dass er dafür vorbehaltlosen Applaus bekommt. Besonders aus den Kreisen, in denen er früher verkehrte. "Die sagen, ich wäre überheblich und ein Arschloch." Eine Beleidigung, die irgendwie ein Kompliment ist. Denn Florian erkennt selbst: "Was soll ich mit Leuten, die mir nichts bringen?"

Nichtsdestotrotz wird Florian Kaus auch heute noch mit Vorurteilen konfrontiert. In seiner Lippe verhaken sich zwei Piercings, und die Ohrläppchen werden von zwei Ohrsteckern vergrößert. Das reicht schon, um hier und da komisch beäugt zu werden. "Man wird von den Leuten gescannt", sagt Florian. "Oftmals werde ich angeguckt, als wäre ich ein Marsianer." Andreas Schumann kümmert es aber nicht, ob bei seinem neuen Mitarbeiter etwas im Gesicht baumelt. Er legt Wert darauf, wie sich Florian gibt und was er leistet. So wie vor wenigen Wochen, als Florian die Prüfung im Pflanzenschutz zu meistern hatte. "Während der Schulprüfungen früher habe ich immer geschlafen", schmunzelt Florian. Diesmal war er hellwach. 60 Minuten hatte er Zeit. "Ich war nach 20 Minuten fertig." Und bestand. Einen Tag später brachte er auch die theoretische Fahrprüfung hinter sich. Ein weiteres Indiz für die Verwandlung von Florian Kaus.