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Das Golden Girl

Reportagen

Karolin Reiß ist Vergolderin, den Beruf kennst du nicht? Ehrlich gesagt, kannte ihn in unserer Redaktion auch kaum jemand. Um in dieser Sache endlich Licht ins Dunkel zu bringen, beschloss ich, Karolin etwas genauer über ihre Ausbildung und vor allem, ihre Tätigkeit zu befragen.

Die heute 26-jährige Cottbuserin erlernte von 2006-2009 den seltenen Beruf des Vergolders und wurde im letzten Jahr Bundessiegerin in ihrer Zunft. Etwa 100 Gesellen bekommen in Deutschland jährlich die Chance, dieses alte Handwerk zu erlernen. Auf die Frage, ob sie jemals Bedenken bezüglich ihrer beruflichen Zukunft hatte, schmettert sie mir eine ganz klare Antwort entgegen: „Nein, die hatte ich nie“.

Schon während ihrer Schulzeit stand für Karolin fest, dass sie später ins Handwerk wollte, jedoch interessierte sie sich zunächst mehr für eine Ausbildung zur Restaurateurin. Nach dem Abitur absolvierte sie so ein einjähriges Praktikum in Berlin und anschließend arbeitete sie für zwei Monate in Österreich.

Beim Arbeitsamt hat sie sich die nötigen Informationen geholt, schrieb ihre Bewerbung als Restaurateurin aber auch als Vergolderin und begann, entgegen ihrer eigentlichen Pläne, die Lehre zur Vergolderin bei „Theuer & Scherr“ in Mannheim.

Wie bei jeder Ausbildung ist aller Anfang schwer, ihre Entscheidung bereute sie jedoch nie und baute dank Ausdauer und Geschick ihr Können schnell aus.

Doch was macht ein Vergolder genau? Diese Frage habe ich auch Karolin gestellt und schnell gemerkt, dass ihre Tätigkeit in keinster Weise der eines Goldschmieds ähnelt, mit der ihr Beruf so oft verwechselt wird. „Im Gegensatz zum Goldschmied machen wir keinen Schmuck, sondern gestalten Objekte mit Blattgold. Dafür muss man auf das Objekt zunächst eine Grundierung auftragen, dann kommt das Poliment. Anschließend wird das Ganze mit einem Gemisch aus Wasser und Spiritus eingerieben, um danach das Blattgold mit Hilfe eines elektrostatisch aufgeladenen Spezialpinsels aufzutragen.“ Und dann heißt es polieren, polieren, polieren, und zwar so lange, bis das Objekt den perfekten Glanz erreicht hat.

Die dreijährige Ausbildung besteht zwar nicht nur aus solchen Fleißarbeiten, hat Karolin aber, wie sie es selbst beschreibt, „genauer und willensstärker“ gemacht. Schließlich gab es wie in jeder Lehre Höhepunkte und Niederlagen, doch am Ende sollte sie für ihre Ausdauer belohnt werden.

Aufmerksam geworden durch ihre guten schulischen Leistungen, wandte sich die Handwerkskammer an ihren Betrieb und bat Karolin Zeugnisse und entsprechende Formulare für den Leistungsvergleich in ihrer Zunft einzureichen. Für ihr Gesellenstück hatte sie von Anfang an klare Vorstellungen: ein ovaler Rahmen sollte es werden. Den nackten Holzrahmen bekam sie von ihrem Chef: „Ich musste zuerst die Ornamente auf den Rahmen setzen. Die werden in unserem Handwerk nämlich nicht geschnitzt, sondern geformt. Das geschieht mit Hilfe eines Gemisches aus Leim und Kreide, es ist vergleichbar mit einer Art Knetmasse. Ich musste dieses auf den Rahmen setzen und anschließend schleifen.“ Dann begann das aufwendige Prozedere von grundieren, vergolden und polieren. Insgesamt zwei Wochen hat Karolin acht Stunden täglich an ihrem Gesellenstück gearbeitet. Am Ende überzeugten der Glanz und die Verarbeitung die Jury und sie wurde erst einmal Kammersiegerin, später setzte sie sich auch im Bundeswettbewerb durch.

In einer feierlichen Zeremonie überreichte ihr Ex-Bundespräsident Horst Köhler eine Urkunde. Zudem gab es noch ein Stipendium für die Meisterschule in München. Leider konnte die 26-Jährige diese Begabtenförderung nicht in Anspruch nehmen, da sie nur für Lehrlinge bis zum 25. Lebensjahr galt.

Zur Zeit arbeitet Karolin für ein Jahr in Wien, für ihre Zukunft hat sie sich viel vorgenommen: „Ich möchte mich selbstständig machen, ein eigenes Geschäft haben. Aber vorher möchte ich meinen Meisterbrief machen und weitere Auslandserfahrungen sammeln, zum Beispiel in England an einer renommierten Schnitzerschule.“